Sozial- und Kollektivitätswissenschafter, -laboranten und -praktikanten (z.B. Politiker, Medienschaffende, PR-experten, Behörden) jeder Stufe und Richtung, spielen und hantieren gern mit den Markierungen "Information", "Kommunikation" und "Informations-" bzw. "Kommunikationsgesellschaft" usf. für eigentlich Unverstandenes und Ungeheures.
Die eigentliche Bestürzung der vielen, seit bald einem halben Jahrhundert nicht mehr in die Raster überlieferter Theorieen über Gruppierung und Aufteilung kollektiver Zusammenfassungen bzw. Massenverklüngelungen (Nation, Staat, Kirche, Religion - und auch immer noch und wieder, wenn auch geleugnet : Rasse!) passenden Bevölkerungsteile, und deren ihnen daraus bleibenden Rat- und Hilflosigkeit gegenüber dem ihnen von der Entwicklung der Kommunikationstechnologie Bescherten sind, unter vielen anderen, wichtige Aspekte dieses trotz und wegen seines Möglichen Ungeheuren (Friedrich Dürrenmatt: "Das Mögliche ist ungeheuer").
Was hat die sog. "Informations- bzw. Kommunikationstechologie" nebst einer unauflöslichen Abhängigkeit von ihren rein technischen Leistungen - und Belastungen - gebracht?
Eigentlich wenig mehr als die Verkürzung von irdischer Distanz und Zeit auf geringfügige Reste, die Komprimierung von kosmischer Raum-zeit-Unermesslichkeit auf nach gegenwärtigem, (nicht zwingend nur rational begründbarem) Wissenschaftlichkeitsideal plausibel scheinende Überschaubarkeit.
Warum ist das "wenig"? - Weil es eine seit fast 300 Jahren erfolgreiche, jedoch zusehens weniger haltbare Fiktion, die vor allem Grundannahmen für die technische, und in deren Gefolge auch für die ökonomische und politische Auffassung von Raum und Zeit und die kollektivierte Auseinandersetzung damit (Raum-, Verkehrs-, Kommunikations-, Finanz-, Wirtschafts-, Territorial- und Kolonial- bzw. Global-, Klima-, Raumfahrts- und Abfallentsorgungspolitik) zwar für das Alltägliche und die mannigfaltigen Spielereien und "Gemeinheiten" damit und darin scheinbar bedeutungslos macht, aber die emotionale Verklebung der Intellektualität der grossen Massen mit der in der Schule vor Jahrzehnten als absolute Wahrheiten oder Prinzipien angeeigneten Strukturierung bzw. Programmierung individuell als sog. "gesunden Menschenverstand" erfahrener, de facto generell gleich gerichteter, Subjektivität nicht "zeitgleich" zu lösen vermag.
Die bisher wegen des Festhaltens am in - wenn auch immer winzigere - ad infinitum gleichförmige und -wertige Masseinheiten gliederbaren Dimensionskonzept untauglichen Versuche, Raum-Zeit auch qualitativ zu erfassen und zu beschreiben, haben die qualitative Gestaltung dieser Herausforderung an die intelligente Wahrnehmung des Wirklichen als 'Realität' (denn das Wirkliche selbst entzieht sich jeder Messbarkeit und nur die von ihr ausgehenden Signale werden empfangen und gedeutet) der Sentimentalität überlassen. ("Sentimentalität" verstanden als zweckdienlich konfektionierte Kollektiv-emotionalität, beliebig zusammenschaltbar mit modularen Komponenten wie Fernweh, Heimweh, Nostalgie, futuristische oder das Mensch Sein verachtende, totalitäre Schwärmerei für Scheinbares, Fetischartiges, Heuchelbares. Sentimentalität entspricht für das Emotionale den künstlichen Aroma- und Duftstoffen zur 'Befriedigung' bzw. Irreleitung von Geruchs- und Geschmacksinn.)
Die Info- und Kommunikationstechnik ermöglicht, dass Jedermann heutzutage - z.Zt. noch vorzüglich auf Englisch - Menschen rund um die Welt kontaktieren kann - um mit ihnen über Angelegenheiten zu bloggen oder zu chatten, wofür er in der Famile, im Freundeskreis und in der Nachbarschaft keine Gesprächspartner findet. Das Verständigungspotential über wesentliche Chancen und Risiken des Mensch Seins in der neuen Globalität (die alte gab's seit über500 Jahren und sie hiess früher "Kolonialität) ist übermässig und jäh expandiert worden, wird aber überwiegend für den selben Klatsch, Tratsch, Quatsch und Mief verwendet, wie er schon in von 'Gebildeten' und gelangweilten, zahlungskräftigen Touristen für ihre aus Unverständnis bewunderten Überbleibsel reduzierten "Hochkulturen" stattgefunden hat. Sie hat in der heutigen Form vermutlich die Grenzen ihrer Nützlichkeit erreicht und ihre Perfektionierung erzeugt im etwa selben Masse neue, noch perfidere Anfälligkeiten und Lücken, wie sie alte behebt und schliesst.
Über die Folgen, die Unzulänglichkeiten der IT für die Lenkung und Kontrolle hockomplexer Systeme wie etwa schon 'nur' ein globales Finanzsystem haben, wird praktisch Nichts berichtet. Es ist einfacher, Sentimentalitäten zu bedienen und am Medienmischpult Register wie Volkswut und Forderungen nach 'sozialer Gerechtigkeit' (in gerechtigkeitsindifferenten Effizienzsystemen!) zu fordern und populistisch zu empfehlen, Banker "in Handfesseln hinter Gittern" einem sentimentaliesierten (statt sensibilisierten) Publikum vorzuführen, ganz nach dem Muster steinzeitlicher "Königsopfer" zur Besänftigung der Fruchtbarkeitsgöttin (modern : Oekonomie, Wachstum - abstrakter: Effizienz). Die zu von einem einzelnen Menschen überhaupt Vollbring- und effektiv Verantwortbarem um Vielfaches überhöhten Gehälter, dazu noch damit begründet, dass weniger abgöttisch Verehrte weniger Fähigkeiten und Kompetenzen zu bieten hätten, ähnelt nicht minder steinzeitlich primitiv abergläubischen Grundmustern des Königskultes. Es passt zur Neigung des Barbarischen, für die Huldigung an vom Menschen nicht mehr wirklich bewältigbare Grösse gnaden- und bedenkenlose Risiken und Qualen auf Untertanen und Sklaven als Opfergaben abzuwälzen.
Die Informationstechnologie hat auch zur übermässigen Entwicklung und Verbreitung hochraffinierter, grausamer und feiger Sabotage-, Zerstörungs- und Vernichtungspotentiale beigetragen, die für viele Machtzentren, die sie sich - auch in Konkurrenz zu Nationen - leisten bzw. beschaffen können, eine grosse Versuchung sind, von "rechts-, medien- und entsprechend informations- und kommunikationsfreien Räumen" (Geheimhaltung, Desinformation) aus unbemerkt operativ tätig zu sein.
Ob die "Wissenschaften" von dieser Technologie nachhaltig profitieren oder davon lediglich technologisch aufgebläht und von Affektionen gegenüber durch diese erst möglich gewordenen technischen Möglichkeiten, bisher Unsichtbarem einen Anschein zu geben, an der Nase herumgeführt wird (das Geschäft mit Bildegebungstechnologie ist gross und die Sucht der Wissenschaft, zum Aufscheinen Gebrachtes als "Beweis" (Evidenz) an Stelle des streng logisch Gefolgerten zu verehren, ebenso) wird erst aus zeitlicher Distanz von mindestens 50 Jahren beurteilbar sein. Es verhält sich diesbezüglich wenig anders als mit Fällen Menschenopfer fordernder kollektiver politischer bzw. parareligiöser und -kultischer Irrtümer und Verirrungen.
Die "Wissenschaft" planscht und schwadert in einer zur reissenden Strömung schwellenden Daten- und Erkenntnisflut, worin zielgerichtet anzuschwimmen immer grösseren und die regenerativen gesellschaftlichen Kräfte (Kultur) überanstrengenden Aufwand erfordert.
Es entwickelt sich eine Gefahr, dass die Wissenschaft bzw. die zwanghafte Hektik (die Effizienz markieren soll und immer weniger zu erreichen vermag), mit der sie Informationen produziert und Signale aussendet, von einer Eigendynamik aus ihrem Bezug zur Gesellschaft, zur globalen Zivilisation und zur Menschheit, von der sie einst getragen wurde, in's Ungewisse fortgerissen wird, mit Konsequenzen, für die es gemäss den bisher von akademisch anerkannter Geschichtsforschung veröffentlichten Ergebnissen keine Präzedenzfälle gibt. Gewisse Epen und Mythen verschiedensten kulturellen Ursprungs liefern einer gut entwickelten Fantasie Andeutungen zu vorstellbaren Szenarien.
Die Befangenheit vieler Gelehrter, Spezialisten und Experten in einem vielleicht nicht gerade eifernden aber dafür umso selbstverständlicheren Glauben an die Notwendigkeit, Richtigkeit und Unübertrefflichkeit der von ihnen angewandten Methoden gleicht einem unschuldigen Unfehlbarkeitswahn und ist das grösste gesellschaftliche und zivilisatorische Kommunikations-, Informations- und Evolutionshindernis seit der wiederholten gewaltsamen Austragung dogmatischer Machtkämpfe zwischen den verschiedenen Glaubensgruppierungen im Schosse der sog. "Christenheit" und des daraus bis in die Gegenwart fliessenden, den "Auserkorenheitsanspüchen" verwandter kollektiver Ausrichtungen des Denkens und Wähnens auf einen angeblich einzigen Gott (modern: "Einheit der Physik") frappant aufällig ähnlichen "Überlegenheitsanspruchs".
Die aus der Begeisterung für und der Hingabe an das eigene Fach ganz selbstverständlich und entsprechend unbemerkt sich ergebende emotionale Einschränkung der subjektiven Realität des einzelnen Fachkundigen und der Gemeinschaft der Fachkollegen auf das innerhalb der Grenzen des eigenen Faches Erwiesene, jedenfalls als 'erwiesen' Geltende, erzeugt eine Neigung, das Fach als eigenes und gar einziges Territorium mit ausschliesslicher Souveränität generell über Aussagen über alles auf dem Territorium Gelegene zu pachten und zu beanspruchen. Die eifersüchtige Argwohn, andere könnten sich eines Gegenstandes unbefugt bzw. 'unqualifiziert' bemächtigen, erfindet den Vorwurf der "Unwissenschaftlichkeit" und Stümperei gegen alle, die es wagen, aus anderer Sicht als derjenigen des einzig für denselben zuständigen Fachs und frei von den strukturellen und funktionellen Zwängen anerkannter Methoden, eigenständige Gedanken zu eben diesem Gegenstand zu entwickeln und zu formulieren. An Stelle der religiösen oder moralischen Tabu's treten die wissenschaftlich entwickelten und verwalteten.
Das administrative Aufteilen von Wissen bzw. Wissensbetriebsamkeit in Ressorts und Zuständigkeiten lässt die Vorstellung nicht zu, dass ein Gegenstand z.B. der Medizin auch einer der Theologie, der Soziologie, der Philosophie oder des Rechts und der Wissenschaften des Normativen sein kann.
"Ganzheitlichkeit Ja, aber bitte aus Sicht des jeweils eigenen Faches und keinesfalls in diese Sicht verwässernder Weise!" Genau so tönt es nicht selten und genau so geht's natürlich nicht! Das zementiert nicht nur das fruchtbare wissenschaftliche Denken behindernde, fachaministrative Grenzen sondern birgt auch einen Gefahrenherd für die für das Leben und Weiterentwickeln von Demokratie unverzichtbare Denk-, Rede-, Meinungsbildungs- und Meinungsäusserungsfreiheit. Als Reaktion können sich zunächst unbemerkt und langsam Vorbehalte und Misstrauen der vom Wissenschaftsbetrieb Ausgeschlossenen gegenüber wissenschaftlicher Attitüde aufbauen, die dazu führen,dass die Bereitschaft, die Finanzierung von Wissenschaft und ihren Infrastrukturen mitzutragen, allmählich wegbricht und sich eine Feindseligkeit und schliesslich gar Verachtung gegen den "Geld- und Wissensadel" aufbaut, wie einst schon gegen den Erbadel.
Die Geisteswissenschaften sind gefordert, zwischen den naturwissenschaftlichen Ansprüchen und denjenigen der ökonomischen und technischen Anwendungen der Ergebnisse aller Wissenschaften einerseits und der Gesellschaft als Ganzes und deren Gruppen andererseits zu vermitteln. Sie sind auch gefordert, Fragestellungen zu Handen der Mathematik vorzubereiten und mit dieser kritisch zu erörtern und zu verhandeln.
Keine andere Wissenschaft ist der unerbittlichen Strenge konsequenten und nicht launisch vagabundierenden, mathematischen Folgerns ebenbürtig und gleichermassen über alle verkappte Heuchelei erhaben! Genau darum ist sie die einzig denkbare Partnerin der Geisteswissenschaften bei der Erfüllung der Aufgabe, Ganzheitlichkeit menschlichen Denkens, Wollens und Handelns zu vermitteln. Wer und was überdies ist besser als die Geisteswissenschaften berufen, die vorausgesetzten Grundannahmen sowie die experimentellen Erwartungen naturwissenschaftlicher und medizinischer Versuchsanordnungen eben so wie die Deutung der vorgestellten Ergebnisse und auch die Absichten, diese zu verwenden, sowohl erkenntnistheoretisch wie gesellschaftstheoretisch kritischer Beurteilung zu unterwerfen? Wo fundierte Kritik bereits als unzulässige Einschränkung der Freiheit des Forschens empfunden wird, ist eben diese Freiheit längst schon dahin. Es geht dann nämlich den Überempfindlichen regelmässig nicht um Freiheit des Wissens und dessen Erlangung sondern um deren Anspruch, Wissen zu privatisieren und dann rücksichtslos auszubeuten, nicht nur wirtschaftlich sondern eben so als Machtpotential.
Die Geisteswissenschaften werden natürlich durch diese neue Aufgabe ein neues Gesicht erhalten, sich in der Gesellschaft etwas umsiedeln und sich anstrengenderen Herausforderungen stellen als bloss auf exklusiv gehobenem Niveau zu unterhalten.
Das Schöngeistige und sentimental Ideologische wird sich nicht mehr als Philosophie verkleiden können; es wird sich mit der Gehilfenschaft für die Belletristik und für die Dramatik für volkstümliche Bühnen begnügen müssen, als eine Art moderne, verfeinerte Form von Populismus.