... vernünftigerweise beim Tier, also bei einem Lebenwesen, das seinem Trieb um seines Lebens Willen gehorcht.
Sprachgeschichtlich entstammt das Wort 'Gier', nach Ansicht von Experten, dem althochdeutschen 'giri', das mit 'Begierde' gleich bedeutend ist. Zwei Quellen mischen sich in dieser Lautform : das indogermanische 'gher-', das mit 'verlangen' gleich bedeutend und mit dem das Wort 'gern' verwandt ist, einerseits, die sog. 'r-Ableitungen' von 'ghei-' andererseits, die Bedeutungen wie 'gähnen', 'klaffen', 'verlangen' abdecken und womit Worte wie 'Geier' und 'Geiz' verwandt sind.
Diese sprachgeschichtlichen Annahmen rechtfertigen es, die moderne Bedeutung des Wortes Gier als ein vitales, unbeherrscht triebhaft wildes Verlangen bzw. Begehren nach Befriedigung für das Lebewesen notwendiger und seine Lebendigkeit prägender Bedürfnisse zu definieren, das, im Gegensatz zur Unersättlichkeit eben gesättigt und befriedigt werden kann und sich dadurch legt.
Unersättlichkeit ist nicht triebhaft, sondern wahnhafte Entgleisung der Huldigung an ein Prinzip, eine Ideologie, eine Theorie usf. Ihre Wahnhaftigkeit manifestiert sich als Verlust des Sinns für Verhältnismässigkeit und dem entsprechend in einer Mass- und Rücksichtslosigkeit in dieser oder jener Hinsicht.
Spielarten der quantitativen Unersättlichkeit sind zwanghafter Perfektionismus, Pedanterie, Rechthaberei, Machbarkeits- und Allmachtswahn, der alles Verzichten als Beschränktheit, Unentschlossenheit, Ängstlichkeit, Entscheidungsschwäche, Unschlüssigkeit Resignation oder Feigheit auslegt und der sich daraus weiter steigernde Wahn grenzenlosen Wachstums - schlicht genannt 'Grössenwahn'.
Anders als die Gier kommt die Unersättlichkeit sehr häufig in sehr dezent gediegener und diszipliniert scheinender Form daher, ist sie doch nicht eine Gier nach Leben sondern ein parareligiöses Streben nach Macht für und durch ein System, das der Unersättliche für unübertrefflich hält. Gier ist unter des Unersättlichen Würde und sie ekelt ihn. Er hat es nicht nötig, je gierig auf etwas zu sein. Er erhebt Anspruch darauf, zu befehlen, was ihm beliebt, nicht, zu erhalten, wonach er bedarf oder es ihn gelüstet. Der Unersättliche verachtet es, Wünsche oder gar Sehnsüchte zu hegen, er strebt danach, sich jeder Zeit wahllos nehmen zu können, was immer es sei, um die absolute Überlegenheit des Systems, dessen Vasalle er ist, unter Beweis zu stellen.
Die Unersättlichkeit will ganz anders als die Gier, keine Befriedigung, sondern endlos wiederholte und fortgesetzte Steigerung der Unzufriedenheit und Anstachelung systemhörig willkürlicher Zielsetzung.