Scheinheilige "Ehrlichkeit"
| Von glaukothyr @ 18:38 | [ 012 Vermittlung erforderlich ] |
Gewisse Politiker beanspruchen für sich, die Ehrlichkeit gepachtet zu haben.
Warum und wie die Unterscheidung von Anliegen und Interessen?
Anliegen sind emotional, das was einem nahe geht, "am Herzen liegt".
Interessen betreffen das Notwendige, die rationale, organisatorische und finanzielle Bewältigung des Unvermeidlichen im Rahmen des Möglichen. Sie haben Nichts mit dem Wünschbaren zu tun. Für das Wünschbare ist die Kultur zuständig.
Ja, es ist wahr, dass Anliegen und Interesse in Wirklichkeit nicht von einander zu trennen sind. Kein Mensch aber, der seiner bisherigen Lebenserfahrung und seinem bisherigen Lebenslauf nüchtern gegenüber steht, kann, ohne mit den Wimpern zu zwinkern, von sich behaupten, nie am eigenen Leibe erfahren zu haben, wie weit, wie sehr und auch wie oft Anliegen und Interesse ein und derselben Person in ein und derselben Angelegenheit auseinanderliegen. Noch viel ausgeprägter ist dieser Unterschied auf kollektiver Ebene.
Politiker, die sich vor allem der "Anliegen" der Bevölkerug annehmen und dabei gewisse Bemutterungsallüren pflegen, gewinnen zwar leicht Anhängerschaft (vorwiegend bei der Bemutterung noch nicht Entwöhnten und noch Bedürftigen), drücken sich aber um die viel schwierigere Aufgabe, die letztlich effektiven Interessen zu erkennen, sie zu formulieren (und das heisst eben : sie gegen die gestaltlosen, nur als Projektionen fasslichen Anliegen abzugrenzen!) und in ein überblickbares Realisierungskonzept zu stellen. Ihr Erfolg beruht gerade darauf, ihren Anhängern die Konfrontation mit den unvermeidlichen Reibungen zwischen Anliegen und Interessen zu ersparen. Das ausgerechnet vermarkten sie in ihren Wahlstrategieen als "Realpolitik"!. (Das deutet darauf hin, dass erfolgreiche Wahlstrategie mit guter Politik so wenig zu tun hat wie Verführung mit Ehe).
Worum es geht:
Das Stimmvolk soll wissen, dass es, wenn ihm wichtiger ist, dass um Himmels Willen keine Rumänen und Bulgaren unkontrolliert in die Schweiz gelangen können, um dort evt. straffällig zu werden, als dass zwischen der Schweiz und der EU ein modernen alltäglichen Bedürfnissen nach Bewegung von Gütern, Geld und Personen entsprechender, formalitätenfreier Verkehr stattfinden kann und u.a. auch Schweizer im Ausland ohne Weiteres erwerbstätig sein können, es die Freizügigkeitsvorlage ohne Wenn und Aber ablehnen muss. Genau das ist mit der Diskussion über die Einheit der Materie dieser Abstimmung bereits hinreichend klar gemacht. Dazu bedarf es also keiner Zerlegung der Abstimmung in zwei Fragen.
Wer sich in solchem Willenskonflikt nicht entscheiden kann, muss halt den Stimmzettel leer einlegen bzw. sich der Stimme enthalten.
Rechenbeispiel:
100 Stimmabgaben (inkl. leer eingelegte Stimmzettel)
A Will man dem Freizügigkeitsabkommen (Autokauf) zustimmen?
70 Ja gegen 25 Nein
B Soll das Abkommen auch für Rumänien und Bulgarien gelten (Auto mit Rädern)?
30 Nein gegen 10 Ja
40 Stimmabgaben sind wegen Widersprüchlichkeit ungültig.
Es bleiben zu beiden Fragen übereinstimmende 40 Ja gegen 15 Nein. 40 Wähler sind dabei um ihre Stimme gebracht (5 haben sich zu beiden Fragen der Stimme enthalten, sind also nicht um ihre Stimme gebracht).
Einen eben so guten Vorwand zu solcher ungerechtfertigter Anschuldigung gegen etwa 60% der Stimmbürger und Parlamentarier kann natürlich nach der Masche, die die zur Zeit sehr einflussreichen "echten und aufrechten" SVP-Kräfte stricken, auch der Entscheid der Politik liefern, dem Volk den Gegenstand in einer einzigen Frage vorzulegen. Dann kann die Clique der "echten und aufrechten Schweizer" natürlich vorgeben, es bliebe ihr nun keine andere Wahl, als "ihr Volk" durch Ausgabe der Nein-Parole gegen das Freizügigkeitsabkommen vor dem Untergang der Schweiz zu retten und später die Schuld an den nachteiligen Folgen dieses Neins wahlkampfstrategisch den "volksfeindlichen" oder jedenfalls "verantwortungslosen" Parteien zuschieben. So sieht "Opposition" in den Augen sich selbst als "währschaft" und "bodenständig" wähnender Schweizer aus. Sie dient nicht der Politik und ist keine, sondern ist missbräuchlich perpetuierter und beachtliche Ressourcen verschleissender Wahlkampf ausgerechnet solcher Kreise, die Sparsamkeit predigen. (Nochmals: keine Partei, die nicht gelegentlich, und besonders in Schwächephasen, solcher Versuchung erliegt!)
Das Problem der Migration wird allerdings nicht auf die Weise, wie den Irregeführten und deshalb Ängstlichen von ihren Einpaukern glaubhaft gemacht, gelöst werden können.
Es kann sich sogar verschärfen, weil u.U. die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und der EU in der Verbrechensbekämpfung als Folge erschwerter bilateraler Beziehungen beeinträchtigt ist und die Last der Grenzkontrolle für die Schweiz sich vergrössert.
"Kriminelle Wandervögel" pflegen sich im Übrigen bekanntlich nicht darum zu kümmern, ob sich eine Volksabstimmung für oder gegen sie äussert. Auch der Aufwand für eine effiziente Grenzkontrolle richtet sich nicht danach, was die Politik dafür zu bezahlen bereit ist, sondern danach, was dieser Aufwand auf dem Markt kostet. Da kann "Sparen" vielleicht trotz seiner volkstümlichen Plausibilität schwierig werden. Zusammenarbeit könnte sich als billiger erweisen.
(Zu prüfen sind evt. Konzepte, wonach für eine bestimmte beschränkte Zeit die Gründe, die zur Anordnung einer Untersuchungshaft gegeben sind, worüber ja ein Haftrichter entscheidet, als für eine Verweisung ausser Landes auch ohne Schuldspruch ausreichen. Aber das würde vor allem die statistischen Ergebnisse etwas anders ausfallen lassen, worum es ja nicht gehen kann.)
Es gibt in einer wirtschaftlich und technisch hochkomplizierter und aufwändiger Lenkungshilfen und -einrichtungen bedürftigen Gesellschaft heute keine auch noch so klein und einfach erscheinenden Probleme mehr, die mit Patentlösungen ein für alle Mal gelöst und geklärt werden können.
Die Zeiten statisch aufgebauter, verharrender und fester, auch übersichtlicher Ordnung sind endgültig vorbei, wie sehr sich viele nach der verlorenen eingebildeten Geborgenheit zurücksehnen mögen. Dauerlauf ist angesagt. Auch für die Behäbigen, die Rechthaber und die Träumer.



