2009-03-02

Rentenabbau ? Offener Brief an einen Parteipräsidenten

Von glaukothyr @ 14:35 [ CH-Bananenplantagen ]

WAS HILFT EIN NEIN ZUM RENTENABBAU?

 

Sehr geehrter Herr Levrat,

besten Dank für Ihre Einladung zur Unterstützung des Referendums gegen den Rentenabbau.
Sie meinen es gewiss ehrlich und gut und Sie geniessen viel wohl verdiente Sympathie.
In ihre kraftmeierische Äusserung über gewisse Banker, die "in Handschellen hinter Gitter gehören" hat sich zu meiner grossen Erheiterung ein "V" zwischen das "S" und das "P" Ihrer Partei hineingestohlen - S.V.P. kann man - auf Deutsch - auch lesen als: "sehr viel Populismus". – Ich gestehe: meine erste wutentbrannte Reaktion auf die betreffenden Nachrichten über das totale Fiasko war exakt dieselbe - aber so rasch die "Schuldigen" identifizieren und aburteilen zu wollen hat mit Rechtsstaatlichkeit wenig zu tun und erinnert an Stile sog. "Volksgerichtshöfe".
Populismus ist eine Versuchung für alle, die ihre Position irgendwie rechtfertigen müssen. Mir ist weltweit keine einzige Partei und keine auch noch so tolle Führungsfigur bekannt, die ganz ohne gelegentliche Populismen zu kommunizieren vermöchten. Es gibt stilistische Unterschiede. Die sind reine Geschmacksache. „Notwendig“, wie immer wieder argumentiert wird, sind Populismen nicht; eine Versuchung für die Absender, verführerisch für die Empfänger schon.

Nun zum Thema des Referendums :

Sozialpolitik und Sozialwesen abendländischer, insbesondere europäischer Prägung beruhen als Ganzes auf denselben Konzepten wirtschaftsbasierter Organisation von Makrokollektiven, wie die von diesen herausgebildeten Finanzsysteme.
Sie sind – bzw. waren - korrigierende und kompensierende, teils auch stabilisierende Entwicklungen des kapitalistischen Industrialismus und ziel(t)en - vernünftig - darauf ab, die Auswüchse eines enthemmten - und zuweilen beinah infantil wild werdenden - Profitliberalismus (bzw. Profit-libertinismus) auf das nötige Mass einzuschränken, das gewährleistet, dass Arbeit für Jeden, der welche in üblichem, die körperliche, mentale und soziale Gesundheit nicht schädigenden Masse leistet, für ein gesundes Dasein ausreichend lohnend macht.

Der Industriekapitalismus und -commerz haben Finanz- und Steuersysteme hervorgebracht, die primär den technischen Transaktions- und Investitionsbedürfnissen gerecht werden.
Zur Absicherung gegen typisch diesen Tätigkeiten und den diese ermöglichenden Infrastrukturen eigenen und entsprechend berechenbaren Risiken wurden die Finanzsysteme durch Versicherungstechniken und -einrichtungen ergänzt.
Lange Zeit schien es plausibel und war sogar - scheinbar - erfolgreich, Prinzipen und Methoden der Versicherungstechniken auch auf die Linderung sozialer Risiken zu übertragen.

Systemische Risiken der Sozialversicherungen
Ein Kernproblem dieser auf Analogien zur Versicherung spezifischer Vorgänge und Handlungsweisen in Industrie und Handel gründenden Übertragung von Versicherungstechnik auf nicht wirtschafts- und handelssystemimmanente  und -spezifische, sondern auf die ganze, gesellschaftsimmanente Vielfalt individueller Einzel- und Kleingruppenschicksale statistisch zu Kategorieen wie vor allem "Alter", "Gesundheit", "Arbeitslosigkeit" usf.  zusammengefasst hochmodelliertes (bzw. mathematisch-technisch "solidarisiertes") Kollektivrisiko, ist nicht nur der Wandel bzw. das ursprünglich unerwartete Wachsen des kollektiven Leistungsanspruchs sondern auch derjenige des sich dauernd verändernden Unterschieds zwischen den Bedingungen, unter denen die Beiträge zu leisten sind und den Umständen, unter denen die Leistungen empfangen werden und dann halt genügen oder eben nicht. Hinzukommt die Dauerspannung zwischen Obligatorium und Bedürfnissen nach weitgehender Autonomie individueller Daseinsentwürfe und deren Verwirklichung. Diese Dauerspannungen sind chronische politische Entzündungsherde und beschleunigen das Altern zu wenig elastischer Konzepte.
Die Erfahrungen der Vergangenheit lassen je länger desto weniger zuverlässige Schlüsse auf die Zukunft zu. Gewiss ist einzig die Zunahme der Komplexität und der Zahl sich daraus ergebender, möglicher, nach verschiedenen, miteinander schwer zu vereinbarenden Richtungen strebender Szenarien. Generell birgt das Anwachsen der Komplexität eines Systems und der Vielfalt der Optionen für deren Weiterentwicklungen eine zunehmende Neigung desselben, auseinanderzubrechen.

In Wirklichkeit handelt es sich nicht um echte und in ihrer Wirkung abschätzbare Garantieverträge, sondern um Umverteilung von Einkommen, teils auch von Vermögen. Dagegen ist Nichts grundsätzlich einzuwenden, solange diese Umverteilung massvoll bleibt und nicht rein ideologische Ausformungen solcher Umverteilung dazu führen, dass, wer sich mehr als der grosse "Durchschnitt" anstrengt und dadurch mehr Erfolg hat, sich dafür bestraft und zurückgesetzt sehen muss und dadurch der Antrieb, sich am - n.b. fairen, lauteren - Wettbewerb zu beteiligen und sich darin zu bewähren, zu stark gebremst wird.  Hier ist nicht zur Diskussion gestellt, inwieweit dieses Mass eingehalten wurde und ist. Es spielt für die Zukunft keine Rolle mehr.
Für das Mass notwendiger Umverteilung gibt es so wenig eine durchwegs anwendbare Allerweltsformel wie für einen "gerechten Lohn". Es liegt variabel zwischen dem jeweils Wünschbaren und dem jederzeit neu zu überprüfenden, lagebedingt konkret Möglichen.
In dieser Hinsicht wird die Zukunft von allen Verantwortlichen, Beteiligten und Betroffenen sowohl auf der Geber- als auch auf der Empfängerseite mehr Flexibilität und Toleranz, auch hinsichtlich Hinnahme von Unterschieden zwischen Branchen, erfordern. Zudem müssen weitere Instrumentarien auch zur individuellen Unterstützung und Beratung durch Provisorien und Improvisationen erfunden und entwickelt werden.
Das 'Gleichbehandlungsprinzip' darf nicht kleinlich administrativ gehandhabt werden sondern soll Chancengleichheit nach dem jeweiligen Wollen, Können und Bedarf des Unterstützten, nicht nach ideologisch und politisch ehrgeizigen Zielen von Weltverbesserern anstreben. Chancengleichheit kann nicht durch Festlegung z.B. gleicher Unterstützungsbeträge für gleiche ‚objektive’ Tatestände festegelegt werden. Das Tatbestandskonzept taugt für ausgesprochen ruhige, gemächliche Zeiten. Die bevorstehenden Jahrzehnte fallen nicht in diese Kategorie. Das Tatbestandsdenken befriedigt die Eitelkeiten aussenstehender Rechthaber, nicht die Bedürfnisse der konkret Betroffenen (Das ist etwas plakativ ausgedrückt). Der Teufel und die von ihm proliferierten Konfliktstoffe liegen hier in vielen Details, besonders solange keine Kultur der Chancengleichheit zum Gedeihen gelangt, die Kleinkarriertheiten zu überwinden vermag  und Vielen das - halt oft auch ein wenig absurde (misstönende) - Geschwätz darüber auf die Nerven geht. Hinter solchem Gezänk stehen z,B. auch Bildungsdefizite und gewisse autoritär elitäre Erziehungsschäden.
 
Auch die noch so massvolle bzw. optimierte (nicht buchhalterisch krämerisch "sparsame") und allgemein gebilligte Umverteilung funktioniert nur und jedenfalls so lange, als :
a)    das Finanzsystem, aus welchem die Versicherungstechnik entwickelt und darauf gegründet ist, stabil oder wenigstens innert schätzungsweise allerhöchstens 18 Monaten reformierbar  bleibt (was einzuhalten desto schwieriger wird, je komplexer das zu Reformierende ausgewuchert ist).

b)    Genug Mittel verfügbar sind und vor allem in absehbarer Zukunft verfügbar sein werden, aus denen sinnvoll umverteilt werden kann.

c)    Die technischen und administrativen Einrichtungen und Behelfe für die Aus- und Durchführung der geplanten Umverteilung funktionsfähig sind und auf absehbare Zeit funktionsfähig bleiben werden und z.B. nicht unter zweckentfremdende oder vereitelnde Einflüsse (Extremismen, Korruption, Kriminalität) geraten.

d) Die Empfänger der Umverteilung motiviert sind oder werden können und Möglichkeiten haben, sich aus der Abhängigkeit von der Umverteilung wenigstens teilweise zu befreien.
 
Die Dogmen und Postulate zeitgenössischer Sozialpolitik und die daraus entwickelten Normen und Einrichtungen gründen auf der ehemals kollektiven Erfahrung kapitalistisch industriell erzeugter Vollbeschäftigung mit zeitweilig gar grossem Überhang an Nachfrage auch nach sogar nicht besonders qualifizierter und motivierter Arbeitskraft. (Die Arbeitslosenversicherung ist sogar in euphorischer Überschätzung der Dauerhaftigkeit des erlangten Zustands als endgültig überflüssig gewordenes Relikt aus industrieller Steinzeit abgeschafft worden!)
Diese Dogmen beruhen, wie man von heute aus rückblickend feststellen muss, auf grund-legenden Irrtümern und lassen sich gegenüber den unaufhaltsam fortschreitenden Entwick-lungen auf allen Ebenen organisierter, normierter und verwalteter Kollektivität, insbesondere gegenüber dem unumkehrbaren Schwinden der seinerzeit als künftig unumstösslich für ewig gültigen Voraussetzungen, nicht mehr länger behaupten.
Vollbeschäftigung wird, wenn überhaupt je, erst dann wieder in  Reichweite rücken, wenn selbst der ‚Dümmste’ bzw. schwächst Qualifizierte einen Qualifikationsgrad erricht haben wird, der den dannzumaligen, beachtlich gehobenen Anforderungen auch auf untersten Beschäftigungsebenen entspricht.
Schon heute wird an der Entwicklung von Rechenkapazitäten bzw. Prozessoren gearbeitet, die Rechenprozesse, die mit heutigen Superrechnern noch Generationen überdauern und entsprechende Unmengen an Energie verzehren würden, innert Minuten und Stunden bewältigen können sollen. Dies voraussichtlich in 15 bis 25 Jahren! Das könnte nahelegen, dass viele Manager- und Politikerposten, aber auch z.B. Chirurgen, die heute noch hoch bezahlt sind, so überflüssig werden könnten wie heute manchen Orts Reinigungspersonal, das durch selbststeuernde Reinigungsroboter ersetzt wird.
Wer wird nach Abschluss derartiger Entwicklungen noch so arbeiten wie das heute noch gewohnt ist - und wer wird dann noch AHV-prämien aus Arbeitseinkommen leisten?
Denkbar sind natürlich auch ganz andere Szenarien, die aber generell eher weniger attraktiv scheinen, etwa: Rückkehr zu Handarbeit und im Gefolge sklavereiartige Zustände. Es wird jedenfalls mit Gewissheit ganz anders sein als aus heutiger Vorausschaumöglichkeit extrapolierbar.
 
Schwierig abzugrenzende Teile der Finanzsysteme, von denen Sozialversicherungen und die über diese Unverteilungs-Umwege finanzierten Sozialeinrichtungen und -dienste abhängen und (unter gewissen Veranschlagungen des sog. Verursacherprinzips mit beachtlichem aber unbeachtetem, nicht in ausgesonderte Rechnung gezogenem Energieaufwand) bedient werden müssen, sind zu global agierenden, demokratische und soziale Ordnungen umgehenden und teils gar vereitelnden „Effizienzumsetzungsmodulen“ geworden, die auch fragwürdige, informelle und ausserconstituionelle Machtansprüche aus teils rechtsfreien und von Kommunikation nach aussen entlehrten Kommandozonen und Zeitfenstern bedienen : aus humanistischer Sicht : barbarische Ungeheuer, aus nihilistisch existenzphilosophischer Sicht quasi "unschuldige Ungetüme" (und dadurch erst recht ungeheuer, denn das Begriffspaar "Schuld-Unschuld" ist einer der satanischsten Einfälle der Christenheit überhaupt.)
Das demonstriert u.a. auch, wozu die angebliche Selbstregulierungskraft wettbewerbsgetriebener Marktwirtschaften nebst scheinbar „Segensreichem, Gutem" eben so führen kann. Weshalb?
 
Finanzsystme sind ihrem Zweck und ihrer Natur gemäss als "gerechtigkeitsindifferente" Syteme gedacht und geschaffen und mussten von der Sozialpolitik gezwungenermassen und stillschweigend (bzw. kleinlaut) als solche akzeptiert werden, da ja diese die materialistische Ordnung des Wirtschaftens und der dieses antreibenden Arbeit selber voraus-gesetzt hat (Wer nicht arbeitet, soll nicht essen!).
Das Unbehagen gegenüber der dem Wesen der Finanzzwänge entsprechenden,  sachimmanenten Indifferenz  gegenüber "Gerechtigkeitsforderungen" ist verständlich, ist indessen noch kein Rat- sondern erst ein Anlassgeber dazu, sich um guten Rat zu bemühen.
Ein erster, entscheidender Schritt ist, sich dieser Eigenart allen Finanzwesens als dessen Notwendigkeit bewusst zu werden statt es sentimental zu verteufeln. Ein Messer, an dem man sich nicht verletzen kann, ein Hammer, mit dem man nicht auch töten kann, taugt nicht!
 
Jedes Finanzwesen ist - ob nun von Privaten oder von einer wie auch immer organisierten und benannten Öffentlichkeit gehandhabt, seiner Zweckbestimmung und Funktionsweise gemäss gerechtigkeits- und teilweise sogar normindifferent. Das gilt auch für Steuersysteme, die einfach der öffentlich gehandhabte und vom privat gehandhabten bloss administrativ abgetrennte, funktionell aber letztlich aus dem globalen Finanzwesen nicht entflechtbare Teil des gesamten nationalen Systems und Mitglied der koordinierenden Gemeinschaft internationaler Systeme ausmacht. In Deutschland heisst das Steueramt nicht zufällig "Finanzamt".

Wegen dieser sehr frigide "herzlosen" Natur des Finanzwesens muss das Postulat der Steuergerechtigkeit, vom Zweck des Steuerwesens aus gesehen, ein weitgehend frommer und eben so träumerischer Wunsch bleiben, der grundsätzlich und zum Wohl der Tauglichkeit eines Steuersystems hinter die Notwendigkeit der Steuereffizienz bzw. einer pragmatischen Steuereinzugs- und -einnahmenoptimierung zu treten hat, um so die Mittel verfügbar zu machen, die für die Herstellung und Wahrung von grösstmöglicher, realistisch aber nie perfekter Gerechtigkeit in allen übrigen rechtlich geregelten Lebensbereichen und -verhältnissen durch Wahrung sowohl formell strikter als auch materiell uneingeschränkt ausgeschöpfter Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. Steuereffizienz folgt streng mathematischen Gesetzmässigkeiten. Da sie aber hoch komplex ist, werden die Berechnungsergebnisse in einer Auswahl von Optionen bestehen. Diese müssen dann der politischen Basis beigebracht und zur Auswahl vorgelegt werden – eine Aufgabe für Generationen! Sie deshalb auf spätere Generationen hinauszuschieben, um mit Erreichung von Scheinzielen rasche 'Erfolge' zu erzielen, wird verhängnisvoll sein.

(Das zur Zeit viele Gemüter aufregende Bankgeheimnis und auch die juristisch wohl begründete Unterscheidung zwischen planmässig vorsätzlichem Betrug einerseits und nicht detailgetreuer Befolgung ohnehin nicht für jedermann ohne Beizug teurer Beratung verständlicher Deklarationsvorschriften andererseits sind wohlüberlegt gesetzte Schranken gegen die Kälte behördlich gehandhabter Finanzsysteme.
Die Auffassung, der Verzicht auf diese Unterscheidung zugunsten eines rigiden Steuereinzuges durch ein ja seinerseits keineswegs über alle Zweifel erhabenes Kollektiv, sei barbarisch, zumindest banausisch und eines zivilisierten, seine Bürger achtenden Rechtsstaates unwürdig, kann ohne zu erröten vertreten werden. Hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um die existentiellen Grundalgen der Legitimation des Kollektivs, über die Arbeitskraft, Erwerbsfähigkeit und Erwerbserfolge des Einzelnen zu verfügen.
Diese Fragen werden in Zukunft unausweichlicher und beharrlicher gestellt werden. Die Politik ist ihnen bis heute ausgewichen. Die Beantwortung dieser Fragen wird neue Kriterien für "Gerechtigkeit" oder für das, was an deren Stelle treten wird, sichtbar machen.)

 

"Gerechtigkeitsindifferenz" heisst keinesfalls Entbindung von rechtlichen und gesetzlichen Verbindlichkeiten und auch nicht von Sitten und Gebräuchen (Usanzen) und von Regeln des Anstands und der Vertrauenserhaltung. Kein System, erst recht kein ‚eiskaltes’ kann ohne verlässliche Einhaltung es steuernder Regeln funktionieren.
"Gerechtigkeitsindifferenz" bedeutet Indifferenz gegenüber kulturellen und gemeinschaftlichen, emotional und sentimental geformten Idealen und Ideologieen, aus denen heraus Gerechtigkeitsvorstelllungen bzw. Gewohnheiten (Gerechtigkeit per se, quasi als Teil einer Schöpfung oder eines ‚göttlichen Plans’, gibt es nicht; sie ist, der Religinon ähnlich und ja oft mit ihr verstrickt, immer eine kollektive Reaktion auf Umstände, Nöte, Zwänge, Hoffnungen) entwickelt und zu Inhalten politischer Programme gemacht werden.
Ein Finanzsystem in den bedingungslosen Dienst emotional entwickelter Denk- und Wertungsformen (Ideale) zu stellen, ist ein auf Dauer gefährliches und letztlich mit Gewissheit zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, weil nämlich Emotionen extrem von unberechenbaren Stimmungsumschwüngen bestimmt sind, was allein schon über die Börse beachtliche Unsicherheitsfaktoren für eben dieses schafft, es aber auch mit ‚Geld’ versorgt.
Ein auf durch frühere Emotionslagen definierte Ideale abgestimmtes Finanzsystem taugt nicht mehr für die Bedienung der Ideale nach einem politischen Stimmungsumschwung. Das ist einer der wichtigsten Gründe für die Unabhängigkeit der Nationalbanken von politischen Forderungen. Sie ist zwar auch nicht immer unproblematisch aber langfristig zuverlässiger als eine von politischen Launen vergewaltigte Finanz. Viele hoffnungsvolle Experimente, dem kalten Finanzwesen ein menschenfreundlicheres Angesicht zu verleihen, endeten tragisch.
Die "Gerechtigkeitsindifferenz" widerspricht nicht der Notwendigkeit, neue Kontrollen und Kompetenzen einzuführen, die in geeigneter Weise Zweckenfremdungen des privat gehandhabten Finanzwesens zuvorkommen.
Allerdings wird das auch entsprechende Kontrollen des öffentlich gehandhabten Finanzwesens nicht erübrigen.


Zur Krise :

Um nicht das viele, mehr oder weniger bedingt und teilweise Richtige, Kluge und Zutreffende, was zur Krise bereits geäussert worden ist, zu wiederholen, wird hier eine Sicht aus bisher nicht gewagter und daher vielleicht verblüffender oder gar empörender Perspektive geschildert:
Die gegenwärtige Krise wurzelt weit tiefer als die durch sog. "Blasenbildungen" bisher ausgelösten und dann durch Korrekturen bewältigten.
Dass eine "Immobilienkrise" das Ausmass der Über- bzw. teilweisen Falschbelastung des globalen Finanzsystems und deren Folgen sichtbar gemacht hat, mag symptomatisch und symbolisch die hier vorgeschlagene und grob skizzierte Perspektive "begründen", vielleicht, wem das passender scheint, "psychologisch" erklären.
Die gegenwärtige Krise ist eine kulturelle, genauer gesagt, eine Krise der globalen Sess-haftigkeit riesig angewachsener und noch weiter anwachsender Massen mit ungenügender Fähigkeit, den Qualifikationsforderungen des Arbeitsmarktes zu entsprechen. Sie ist ausgelöst durch das unaufhaltsame Wachstum des enormen Aufwandes zur Beibehaltung und Fortführung dieser Massensesshaftigkeit mit den bisher gewohnten Mitteln und beanspruchten Techniken, in den zum allgemeinen Zwang gewordenen Formen, Normgefügen und Jurisdiktionen.

Es könnte sich lohnen, das Phänomen der Armut als Symptom für die Auswirkungen Gesellschaften verzerrender, gleichgerichtet konsumlastiger Sesshaftigkeit zu studieren, um u.a. entweder zu belegen oder zu widerlegen, dass die Armut ein Kollateralschaden eines abendländischen Lebensform- und Lebensstandardimperialismus sei, dessen Tage gezählt sind.
Diese zwanghafte Massensesshaftigkeit hat die Probleme der Versorgung mit Energie, bald auch mit Trinkwasser, Nahrung und medizinischer Grundversorgung, die Bedrohungen durch Klimastörungen und Umweltbelastungen, der unaufhaltsam wachsenden Mobilitätsbedürfnisse und -ansprüche usf. hervorgebracht. Sie wird nun zur nicht bloss strukturellen, sondern zur tiefgreifenden und unausweichlichen konzeptionellen Herausforderung, Dasein neu zu definieren, auszurichten, organisieren, ohne sich auf bewährte Vorbilder verlassen zu können. Es gibt keine.

Die Weltwirtschaft steht im Begriff, in einen neuen Makrozyklus einzutreten dessen Phasen schätzungsweise zwischen 20 und 30 Jahre beanspruchen.
In den nächsten Jahrzehnten wird, aus dieser Perspektive gesehen, nichts, was Sesshaftigkeit bedingt, begründet, ermöglicht oder aufzwingt - für wenige attraktiv, heimelig, gemütlich oder zum Prestige gereichend, für Viele zur Armutsfalle werdend - von vielschichtiger und oft auch gnaden- und respektloser Überprüfung auf ihre künftige Tauglichkeit für die Vielen und von Reformen unterschiedlichster Qualität und Nachhaltigkeit verschont bleiben.

Im Tosen dieser gewaltigen (aber deshalb noch lange nicht apokalyptischen) konzeptiven Umwälzungen wird die Frage nach einem Umwandlungszinssatz von Niemand mehr zu hören sein.


  

 

 



Kommentare

Lupe, der Satire-Blog - lupe [at] gmx.ch - http://swiss-lupe.blogspot.com/
2009-03-02 17:48:07

„Notwendig, wie immer wieder argumentiert wird, sind Populismen nicht"

leider springt die heutige medienlandschaft auf populismus an. je lauter oder pointierter man in die landschaft ruft, umso mehr wird es leider wahrgenommen.

die sp hat jahrelang den fehler gemacht, 10cm über boden zu formulieren, zu intellektuell. levrat schiesst vielleicht leicht über das ziel heraus, aber dies stört mich nicht, insbesondere, wenn man nun immer mehr sieht, welche verheerende entwicklung diese sogenannten topbanker angerichtet haben.

Glaukothyr - pc-straub.axw [at] bluewin.ch - http://glaukothyr.blueblog.ch/p249.html
2009-03-02 20:33:52

Viele Indizien belasten zunächst die Banker schwer, das heisst aber noch lange nicht, dass das Verschulden dieser allein für die Krise diesen Ausmasses ursächlich ist. Vielleicht ist es auch notwendig, einige von ihnen zur Rechenschaft zu ziehen und zu bestrafen, aber damit ja noch keinem armen Schwein aus dem Dreck geholfen und weiss immer noch Niemand, was wirklich geschehen ist. Eines der Probleme kostenbewussten - oder muss man sagen 'kostenmanischen' ? - Denkens, Wertens, Urteilens und Entscheidens ist doch, dass die nachträgliche gründliche Untersuchung und Suche aller Ursachen - und die Offenlegung und Diskussion der gefundenen Ergebnisse für zu aufwändig und unproduktiv hält und sich daher mit einem fast magisch anmutenden Ritual begnügt, auf den von Justiz, Volkswut und Medien aufgerichteten und entzündeten Scheiterhaufen der Besänftigung der Gemüter zu opfern - und fortzufahren wie bisher. Das ist eherbarbarisch denn zivilisiert, eher abergläubisch denn rational. Wenn eines aus der Krise hilft, dann ist es die Anstrengung der Gehirne für das Praktische (Finanzwesen, Wirtschaft) - und die Öffnung der Herzen für die gegenseitige Achtung der unvollkommenen Menschen gegeneinander für das Gemeinschaftliche (Soziale Gerechtigkeit). Aber es führt direkt in die nächste und zuverlässig noch totalere Katastropühe, den Herzen das Finanzwesen und den Hirnen das Sozialwesen zu überlassen. Lernen müssen wir aber alle, die Kommunikation zwischen Hirn und Herz zu vermitteln.

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