Die Sicherheitspolitik und das meistbeachtete aber nicht einzige und allein wichtigste ihrer Instrumente, die Armee, und der Zustand der Mentalitäten, die die Politik bedingen und prägen, offenbaren mit den Schwierigkeiten, in die sie von gewissen Kräften gebracht werden, die Grenzen der Tauglichkeit der aktuellen politischen Systeme im In- und Ausland, Demokratie auf dem Stand des erst vor wenigen Jahrzehnten halbwegs Erreichten zu halten. Davon, dass die Politikerkasten, von kommunalen Ebenen bis hinauf in die Ränge globaler Diplomatie, willens und fähig seien, Demokratie auch weiter zu entwickeln, darf man träumen, kann aber keine Rede sein.
Wohl ist viel guter und vermeintlich guter Wille vorhanden oder zumindest beabsichtigt, aber Vorurteile und Sentimentalitäten verzögern die notwendigen Impulse, bisher Unbeachtetes in Erwägung zu ziehen, bisher Unversuchtes zu wagen.
Die Weiterentwicklung der Demokratie ist den meisten nicht vorstellbar; sie meinen, sie sei bereits zur Vollkommenheit entwickelt und rechnen sich ihre Einbildung noch als ihr persönliches und besonderes Verdienst an. Viele meinen, es bedürfe nur noch technischer Perfektionen und das Übrige sei den Kräften der Wirtschaft zu überlassen, deren grundlegende Gesetzmässigkeiten von Adam Smith vor gut einem Vierteljahrtausend zusammenfassend beschrieben worden seien, deren Beobachtung und Steuerung aber noch verfeinert werden müssten.
Die Demokratie, die den gegenwärtigen und erst recht den künftigen Herausforderungen gewachsen wäre, ist Utopie - es gibt sie nirgends. Der Grad ihrer "Direktheit" bzw. des Katalogs der Fragen, die dem Volk zur Entscheidung vorzulegen seien, ist bei weitem nicht so Ausschlag gebend, wie von gewissen Volkstribunen mit viel Marketinggeräusch angepriesen und feilgehalten wird. Viel entscheidender sind der Stand der Allgemeinbildung der Bevölkerung und das Interesse und die Fähigkeit der Individuen zu eigenständiger Urteilsbildung und der persönliche Mut zur dieser entsprechenden Meinungsäusserung und -vertretung (Wobei Meinungsvertretung und Interessenvertretung klar auseinanderzuhalten sind!).
Auch die die Gewalten trennenden Strukturen vermögen ihren Zweck nur noch scheinbar zu erfüllen, wo ungesetzliche Machtentfaltungen sich staatlicher Kontrolle entwinden, um dann die staatlichen Institutionen dazu zu missbrauchen, ihrem unmenschlichen Ausbeutungsdrang den Anschein von Legalität zu verleihen.
Die Ereignisse jüngster Zeit in der schweizerischen Sicherheitspolitik zeugen von der Verantwortungslosigkeit sich ins Rampenlicht drängender Akteure einerseits, von der Ahnungslosigkeit grosser Teile der Öffentlichkeit davon, in wie vielfältiger Hinsicht die Sicherheit des Rechtsstaates und die Gültigkeit seiner Grundlagen gerade durch die Vielfalt von Perfektionierungserwartungen und -anstrengungen und der sich diesen mannigfaltig widersetzenden Gewohnheiten und Ansprüchen in Frage gestellt und auch konkret bedroht ist.
Die Meinung, eine Bedrohung sei akut, wann und wo man Polizei oder bzw. und Militär, evt. gar Panzer an strategischen Punkten auf eigenem Territorium oder an dessen Grenzen auffahren sehe und Helikopter und Kampfjets mit Tarnanstrich durch den Luftraum brausen höre, ist weit verbreitet, was von der Infantilität moderner Gesellschaften und der von diesen zu Experten und Führern Erkorenen oder als solche Erduldeten zeugt. Das Auffahren von Militärgerät geschieht in Zukunft immer später nach dem eigentlichen Ausbruch des Konflikts und hat oft viel mit Ablenkung der Öffentlichkeit von dessen weit zurückliegenden und vernachlässigten Ursachen zu tun.
Entsprechend kindlich und kindisch sind die volkstümlichen Vorstellungen davon, wozu eine Armee heutzutage diene und was sie einerseits uneingeschränkt können muss, andererseits keinesfalls können darf.
Die Armee ist leider eine Notwendigkeit. Nicht die Armee ist das Problem sondern, dass und warum sie trotz aller wissenschaftlichen, technischen, ökonomischen und 'sozial' genannten Fortschritten unvermindert notwendig geblieben ist, ja geradezu durch all diese - vielleicht vermeintlichen, jedenfalls in peinlichem Masse ungenügenden - Fortschritte bedingt und verursacht ist.
Die Schwächung oder gar Abschaffung der Armee löst die Probleme, die sie nötig machen, nicht. Niemand verhindert Niederschläge, indem er auf einen Wind- und
Regenschutz verzichtet. Allerdings kann man bei schönem Wetter das Risiko eingehen, auf Schutz vor Regen und Kälte zu verzichten und sich für diese Fälle ein anderes Verhalten vornehmen. Aber die Auswahl der Alternativen ist und bleibt begrenzt und deren Wirksamkeit genügt nicht bei Witterung mit grosser Verkühlungsgefahr. Die Einschätzung von Notwendigkeit und Nutzen einer Armee ist immer durch die Art und Weise, Wirklichkeit wahrzunehmen bedingt. Diese ist alles andere als 'uniform'.
Die Erhöhung der Armeeausgaben, ohne sich über die Frage klar zu werden, welche Aufgaben das Finanzierte zu erfüllen habe, hilft auch nicht. Die Frage nach den Aufgaben der Armee ist aber nicht zu beantworten, ohne zeitgemässe Antworten darauf gefunden zu haben, was eigentlich einen Staat in welcher Form und wie weit legitimiere und und was ein politisches System weiterhin erhaltenswert oder erneuerungsbedürftig mache. Alle Uneinigkeit über die Fragen, was Sicherheit bedeute und was dafür zu tun sei, sind auch Uneinigkeiten darüber, wozu ein Staat notwendig und gerechtfertigt sei, was die Zwänge, die das Kollektiv den Individuen auferlegt und zumutet, letztlich bewirken und ob es diese Wirkungen wert sind, dafür zu arbeiten oder evt. als Soldat dafür gar sein Leben zu opfern.
Die überlieferten Begriffe wie Gebietshoheit und Souveränität als Objekte der Verteidigung sind im Begriff, ihre Praktikabilität und Bedeutung zu verlieren.
Entscheidend sind die Bewahrung der Errungenschaften der Zivilisation und die Freiheit, diese in Zukunft weiter zu entwickeln.
Die technische Infrastruktur einer Zivilisation ist dabei nur das Gerippe, das selbstverständlich geschützt werden muss, das aber das, was Zivilisation am Leben erhält und entwickelt, nicht ausmacht.
Was eine Zivilisation ausmacht, ist eine in stetem Wandel begriffene Gesamtheit vieler, teils hochsensibler und verletzlicher, teils immaterieller und entsprechend unfasslicher (irrational scheinender) Bedingungen, Faktoren und Einrichtungen, die an keinen Gebiets- und Befugnisgrenzen Halt machen und sich nicht auf definierbare Schutzobjekte reduzieren lassen.
Ihre Sicherheit hängt von vielfältigen Vernetzungen mit vielen inner- und ausserstaatlichen Machtzentren und -vakuen unterschiedlichster Gewichtung und Art ab.
Daher kann "Freiheit" sich offensichtlich je länger desto weniger als beliebige, selbstbestimmte "Unabhängigkeit" definieren, sondern ist als Mass teils der Autonomie in und teils der Mitsprache bei der Gestaltung dieser Vernetzungen aufzufassen.
Es liegt in der Natur aller Vernetzung, dass sie mit zunehmender Dichte und Verflechtung (Komplexität) intransparenter wird und für mit verhältnismässigem Aufwand durchführbare Kontrolle zunehmend unerreichbar wird. Diese zunehmende Unerreichbarkeit für Beobachtung und Kontrolle wird als Bedrohung gedeutet und gewertet.
Diese Entwicklung kann mit militärischen oder andern auf Gewaltanwendung gründenden Mitteln nicht aufgehalten werden, auch wenn viele Doktrinen das noch fordern.
Sicherheit wird gern mit Vorstellungen von Geborgenheit verbunden. Das trifft für das Neu Entstehende, Unerfahrene, noch Unentwickelte und Unselbständige oder dann für das Schwächliche und Gebrechliche zu. Diese Art sicherheit ist dem Mutterleib als Schutz werdender Persönlichkeit im wahren Sinn des Wortes "nachempfunden" und vermutlich auch "nacherfunden". Festungen und Panzerungen sind technische Nachahmungen des Mutterleibes und sie genügen der Mentalität eines Kleinkindes als Idee von Geborgenheit.
Für das Entwickelte und Erstarkte wird diese Geborgenheit zur Behinderung. Es bedarf der Beweglichkeit und der Durchlässigkeit. Man kann die Zivilisation nicht hinter Mauern schützen, weil sie Mauern, besonders "unüberwindliche", eigentlich verabscheut. Das Entwickelte verlässt sich auf Intelligenz und Beweglichkeit und erkennt in der Drohung mit Gewalt die eigentliche Schwäche des Drohenden.
Sicherheit wird traditionell an der Widerstandsfähigkeit eines Systems gegen fremde bzw. verändernde Einflüsse gemessen. Das traf schon auf verhältnismässig überschaubare Verhältnisse und Bedingungen in der Vergangenheit nur sehr unregelmässig zu. Die Abwehreinrichtungen bieten immer auch Angriffsflächen und diese wachsen mit der Kompliziertheit ihrer Infrastrukturen und deren Abhängigkeit von Resourcen exponentiell an. Die Bindung von Kräften allein zur Wartung solcher Abwehreinrichtungen wird im Verhältnis zur Gesamheit der übrigen Leistungen des zu schützenden Systems so gross, dass Zweifel an der Vernünftigkeit dieses Aufwandes nicht länger zu unterdrücken sind und selber zum Sicherheitsrisiko werden.
Während eine Strategie der Widerstandsfähigkeit durch Abwehr und Fernhaltung verändernder Einflüsse kindlich einsichtig und entsprechend politisch leicht zu befürworten ist, scheint diejenige der Durchlässigkeit und Absorbtion verändernder Einflüsse in hohem Masse abstrakt und dem 'gesunden', d. h. dem spontan aus 'auf der Hand Liegendem' auf das 'nahe Liegende' schliessenden Verstand gar als absurd (misstönend). Dies nicht zuletzt, weil 'Durchlässigkeit' als wahlloses 'laissez faire' missverstanden wird.
Die strategische Durchlässigkeit ist aber eher der Lichtdurchlässigkeit der Linse eines Auges oder eines Fotoapparates zu vergleichen, die mit Focussierung und Blende und konditionierter Reception des dosiert durchgelassenen Lichts ein deutliches Bild ergibt, anhand dessen Urteile und Entscheidungen über das Weitere möglich werden. Durch die Strategie der Durchlässigkeit werden Systeme ungleich lernfähiger und dadurch überlebensfähiger als durch die reine Abwehrstrategie.
Die Durchlässigkeit eines Kollektivsystems ist allerdings erheblich komplizierter als diejenige eines optischen Organs oder Moduls, weil es hier nicht nur um Lichtwellen sondern, vereinfacht gesagt, um Ein- und Durchlass für Mentalitäten, Menschen, Waren- und Geldströme geht und für jeden dieser Stöme anders geartete Absorbtionen erforderlich sind, die teilweise auch 'verdaut' werden müssen und die so auch 'Entsorgungen' mancher Art notwendig machen. Überdies müssen diese verschiedenen Durchlässigkeiten laufend auf einander abgestimmt werden, was leichter gesagt als getan. Es wäre aber falsch, zu meinen, das Abwehrkonzept erspare 'Entsorgungen'. Das Abwehrkonzept beruht auf Verbrauch von 'Kriegsvorräten' bei stark gedrosselter und gefährdeter Ressourcenzufuhr von aussen. Das Durchlässigkeitskonzept sorgt für Ressourcenzufuhr, erfordert aber auch Lernprozesse, mit noch ungewohnten Ressourcen gewinnbringend umzugehen.
Zu den Vorgängen in jüngster Zeit
In jüngster Zeit hat sich an einer elementar und nach Massgabe des Rechtsstaates grundsätzlich privaten Affäre einer hochrangigen, anerkanntermassen fachlich hochqualifizierten Person im Sicherheitskonzept der Schweiz eine scheinheilige Besorgtheit wenig überzeugender Moralisten über "Tragbarkeiten" menschlicher Fehlbarkeit und Unvollkommenheit für die kollektiven Sicherheitsbedürfnisse entzunden.
In sonst für Sekten typischer Weise wurde auf Grund einer blossen, nie rechtsgenüglich bewiesenen Anschuldigung eine Art Teufelsaustreibung inszeniert, die gegen elementare Grundlagen des Rechtsstaates und gegen Grundrechte des Individuums verstösst.
In völlig stümperhaft unverantwortlicher Weise missachtet eine fragwürdige Allianz ehrsüchtiger Journaille mit einfallslosen Politmarionetten Grundprinzipien des Strafprozesses und vermengt dessen elementare Grundbegriffe nach ihrem Bedürfnis, als Retter der Nation dazustehen, um einer miserablen, fadenscheinigen, unnützen und in Wahrheit belanglosen Rechthaberei zu huldigen.
Dieselben, die salbungsvoll eine "schwere Schädigung des Ansehens der Armee" bejammern, ziehen das Ansehen der Justiz mit bedenkenlos falschen Vermutungen in den Dreck und setzen alles daran, ihre fundamentalistische Rechts- und Verfassungsfeindlichkeit mit geräuschvoll geheuchelter Besorgnis über Sicherheitsrisiken zu übertönen.
Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass um das Ansehen der Nation oder einer ihrer Einrichtungen pathetisch Besorgte die Rechtsstaatlichkeit als vernachlässigbar abtun und dem Individuum elementare Grundrechte absprechen, um eine Nebensache, deren sie habhaft geworden, zu einer Staatsangelegenheit hochzuschaukeln, in der Hoffnung, der Abglanz auf Öffentliches gerichteter Scheinwerfer werde ihre persönliche Überflüssigkeit in der Medien- und Politlandschaft überblenden.
Von keinem dieser penetrant Besorgten ist zu Zeiten auf die von ihnen heute erst behaupteten Risiken verwiesen worden. Die Tasache, dass sie überhaupt über die Fakten Bescheid wissen, aus denen sie ihre Besorgtheit aufzüchten, lässt vermuten, dass zumindest eine Person von ihnen zu Zeiten davon gewusst haben musste und es fragt sich, warum diese eine Person oder jemand aus dem mitwissenden Kreis um sie nicht damals schon Alarm geschlagen hat, wenn ihnen doch das Ansehen der Armee so wichtig war.
Andernfalls muss sich diese bestimmte eine Person oder der Kreis schon damals Wissender, der sich nun als Informant der Medien versteckt, die Frage gefallen lassen, warum heute erst die von ihnen behauptete Gefahr so akut geworden sein soll.
Wenn aber die Drahtzieher nicht schon damals in Kenntnis der von ihnen heute aufgemischten Fakten waren, sondern erst jüngst zu Wissenden geworden sind, stellt sich die Frage nach der Rechtmässigkeit, mit der sie in Kenntnis dieser Fakten und in Besitz von Belegen dafür gelangt sind. Die medienseitige Recherchierung der Affäre kann von vorn herein nicht über jeglichen Verdacht der Unrechtmässigkeit erhaben sein, da sie sonst nämlich hätte erfolglos bleiben müssen.
Der Erfolgszwang der Medien ist eine schlechte Voraussetzung für das Vertrauen in die Rechtmässigkeit der angewandten Recherchiermethoden, um in Besitz von 'Belegen' für aufgemischte Stories zu gelangen.
Die Affäre Borer ist vielen 'uneinsichtigen Adepten des strikten Schutzes der Privatsphäre' überall dort, wo kein durch die Rechtsordnung geschütztes Gut Dritter oder der Gemeinschaft unmittelbar und rechtsgenüglich erwiesen bedroht ist sondern bloss ein ideologisches Postulat unerfüllt bleibt, in peinlicher Erinnerung.
Die von den penetrant Gewissenhaften und Besorgten monierte, angebliche Untragbarkeit eines Menschen als Chef einer staatstragenden Institution, der sich in einer privaten Beziehung vorübergehend zu emotionalen Excursen hat hinreissen lassen, beruht auf einer Ideologie, nicht auf einer rechtlichen Notwendigkeit.
Die penetrant Gerechten müssten sich nach dem Mass, wonach sie selber richten, die Frage und Untersuchung gefallen lassen, ob sie als unberufene Richter für die Öffentlichkeit eines Rechtstaates 'tragbar' seien. Die Gründe dafür, warum sie es in mancher Hinsicht nicht sein können und dürfen, sind erörtert.
Sie müssen sich vom Rang der Richtenden auf denjenigen der Ränkeschmiede und deren Vasallen und Schreiberlingen - quasi von AAA auf B 'downgraden' lassen.
Einiges deutet schon ohnedies darauf hin, dass diesen Wichtigtuern die Rechtmässigkeit ihres Tuns völllig unwichtig ist und sie meinen, sich über Grundsätze des Rechtsstaates schon allein deswegen hinwegsetzen zu können, weil ihre Meinung darüber, was den Staat in Gefahr bringe, sie dazu ermächtige.
Wenn sich aber Leute dieses Schlags einer 'Pararechtsprechung' bemächtigen und die Medien mit der Verkündung ihrer Urteile beauftragen, gibt es eigentlich nichts mehr Elementareres zu bedrohen und ist ohnehin bereits von innen her im Eimer, was die Armee letztendlich gegen bewaffnete Angriffe von Aussen schützen sollte, ob mit oder ohne Ansehen, nämlich die Geltung von Verfassung, Recht und der Rechte des Einzelnen vor Willkür.