Der Anschein
Was in den Augen der Satten und Zufriedenen als "Grausamkeit" oder "Barbarei" erscheint, ist für das Hungrige, Bedrängte, Bedrohte, Verzweifelte schiere Notwendigkeit - den Satten, Zufriedenen und demgemäss Gerechten in dieser unmittelbaren und bedingungslosen Form fremd, sonst könnten sie nicht satt, zufrieden und demgemäss "gerecht" und über die Grausamkeit bestürzt oder gar empört sein.
Die Wertung
Die Grausamkeit und die noch nicht wahrgenommenen, geschweige denn gründlich untersuchten Antriebe dazu sind keine Laster und entziehen sich ethischer, moralischer und rechtlicher, wenn auch nicht ästhetischer Beurteilung. Für den von schierer, subjektiver Notwendigkeit Unberührten und Aussenstehenden sind Grausamkeit und ihrer Antriebe zweifellos unerträglich hässlich, widerlich, ekelhaft, sind nach populärästhetischem Empfinden und dessen Ausdruck "das Letzte" in der Werteskala des Zivilisierten. Sie stören das bevorzugte Bild von Zivilisation und die Zeremonielle kollektiver Huldigung an nationale und ideologische Selbstgerechtigkeiten.
Das Wesen
Die Grausamkeit und ihre Antriebe entbehren jeder Rechtfertigung und bedürfen keiner solchen, um zur Wirkung zu gelangen. Die Grausamkeit ist ein elementares, jedem Lebewesen eigenes, die Psyche und alles Feinempfinden überspringendes bzw. blockierendes Programm zur Auslösung und Steuerung der Antriebe, deren es bedarf, um das zum rein animalischen Überleben Unerlässliche, insbesondere "Fressen" und Arterhaltung zu tun. Etwas locker gesagt, ist Grausamkeit das, was macht, dass die Katze das Mausen nicht lässt und andere Lebewesen zur ihrer Art gemässen Nahrungssuche und Nachkommenschaftsversorgung antreibt.
Die Gegenkraft
Das Gegenprogramm dazu ist vermutlich die Ästhetik, die für Organisation, Mässigung und Verhältnismässigkeiten sorgt - und damit auch zu grösserer, kreativer Anpassungsfähigkeit an Veränderungen von Daseinsbedingungen befähigt.
(Eine Neigung zur Vermutung, dieses "Ästhetik"-programm (bzw. die "Veranlagung" zu Ästhetik) sei evolutionsgeschichtlich jünger und entsprechend noch "schwächer ausgebildet" als die Veranlagung zu Grausamkeit mag mit Blick auf die aktuelle Gegenwart plausibel erscheinen, wäre aber auch entsprechend sentimental. Auch die umgekehrte Vermutung könnte dazu herhalten, die aktuelle Gegenwart von pseudouniverseller und pseudokosmischer Ebene aus zu deuten. Noch einfältiger wäre, diesem Denkansatz mit Versuchen, ein "Grausamkeits-gen" oder ein "Aesthetik-gen" zu isolieren, entweder zu Hilfe kommen oder ihn disqualifizieren zu wollen. Hier wird nicht von naturwissenschaftlichen Grundlagen aus gedacht. Grausamkeit und Ästhetik sind schliesslich auch keine biologischen oder physikalischen oder mathematischen Begriffe, Werte oder Lemmata, was aber nicht heisst, sie seien naturwissenschaftlicher, physikalischer und mathematischer Annäherung entrückt).
Die Auslösung des Grausamkeitsprogramms
Das Programm "Grausamkeit" wird durch eine Komposition von Signalen abgerufen, die beim davon Gesteuerten den unmittelbar dominierenden Gesamteindruck erwecken, der letzte Rest sich selbst genügenden Daseins sei in schwerster Weise bedroht. Einmal in Gang geraten, lässt dieses Programm keinerlei rationale, feinsinnige oder gar feinfühlige Überprüfung dieses Gesamteindrucks mehr zu. (Blutrausch, Raserei, Vergeltungseuphorie). Das Grausamkeitsprogramm wird in zivilisierter Umgebung zur Falle für den davon Gesteuerten.
Ist das "Programm Grausamkeit" in Gang gesetzt, zwingt und befähigt es zum blind wütenden und rasenden Kampf um den aus aktueller, eingeschränkter ("nur noch rot sehenden") Wahrnehmung verbleibenden letzten Rest sich selbst genügenden Daseins. Dieser Zustand sieht dem "Mut der Verzweiflung" zwischen anscheinender Ausweglosigkeit und Überlegbensdrang täuschend ähnlich, unterscheidet sich von diesem aber dadurch, dass die Ausweglosigkeit als bedingungslos und endgültig eingeschätzt wird und keine Alternative zu destruktiver Aktion erkennen lässt. (Allerdings sind die Grenzen zwischen diesen beiden ähnlich anmutenden Motiven sehr bewegt und in unberechenbarem Fluss sich rasch abwechselnder Szenarien.) Soweit das Programm "Grausamkeit" zu Mitleidlosigkeit, Treffsicherheit und zu entsprechender Einbildung befähigt, unbesiegbar und unverletzlich zu sein, wirkt es berauschend und "befreiend", so weit es aber als Drang zur Destruktion erfahren wird, wird es als über alle ausgeklügelte institutionalisierte "Menschlichkeit" erhabene, quasi universelle "Rechtfertigung" des sich auf keine Vergangenheit berufenden und keiner Zukunft achtenden und bedürftigen, absoluten "Hier und Jetzt" erlebt. Achillisches "Stimmen Hören" und verbrecherisch obsessive Energie reichen sich hier die Hand. Das Schicksal des rasend Grausamen bzw. grausam Rasenden ist im Bereich der Zivilisation besiegelt. Er kann dort nur noch als Geächteter und in zweifelhafter Gesellschaft sein Dasein fristen.
Die Schwelle
Wie rasch bzw. wie leicht die das Grausamkeits- (bzw. Gewaltanwendungs-)-programm auslösende Signalkomposition beim Empfänger derselben den (unausweichlich subjektiven) Eindruck erweckt, der letzte Rest sich selbst genügenden Daseins sei schwerstens bedroht bzw. befinde sich in einer hoffnungslosen Ausweglosigkeit, hängt vom Mass der vor der und bis zur auslösenden Situation wirksam gewordenen Anreicherung von individueller "Daseinserfüllung" ab bzw. vom Gewicht bzw. Übergewicht der Gesamtheit bisheriger Erfahrungen, die "Leben" als Willkommenheit und fortführenswert bestätigt. Je mehr diese Erfahrungen zur Wertung "Gefahr" neigen, desto niedriger die Hemmschwelle, die das Grausamkeits- bzw. Gewaltanwendungsprogramm überwinden muss, um in Aktion zu treten.
Die Weiche zwischen animalischer Grausamkeit und systemischer Willkür
Ein täuschend ähnlicher Schwellenprozess findet aber statt, wo vor der subjektiven Ausweglosigkeit bzw. dem "Bedrohtsein" das Dasein vor allem von Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, Sicherheiten, Ansprüchen, Selbstanmassungen und Eitelkeiten erfüllt war. In diesen Fällen neigen die Taktiken des Provozierten zu Hinterhältigkeit, Feigheit und Masslosigkeit. Es geht längst nicht mehr um "nacktes Überleben" sondern das Fortdauern gewohnter Annehmlichkeiten und Privilegien, die, aus der diese bedingenden Position der Überlegenheit heraus selbstgerecht und entsprechend willkürlich "Rechte" genannt werden. Diese Willkür wirft sich dann pathetisch und tragödisch in die Pose provozierter Grausamkeit. Die bis zur kritischen Situation Erfahrungen angesammelten Erfahrungen neigen bei der Willkür, statt, wie bei der Provokation animalischer Grausamkeit zur Wertung "Gefahr", zur Wertung "Scheisse".
Die animalische Grausamkeit aber, wie sie hier darzustellen versucht wird, kämpft nicht um Rechte, sondern um's nackte Überleben - und begnügt sich auch damit. Ist das Leben gerettet, erübrigt sich die Grausamkeit, die der Kampf darum erfordert hat. Der Kampf um Rechte und um Alles, was als solche geltend gemacht wird und werden kann, endet nie, sondern entwickelt eine Dynamik endlosen Wucherns (Viele nennen das "Wachstum"). Recht und Rechte beruhen nur zum Teil auf konkreten Fakten, zu einem oft grösseren Teil auf abstrakten Begriffen und deren Handhabe mit Bezügen auf mit oft nicht offen bekannten Interessen vermengte Eventualitäten. Das genau macht die wesentliche Qualität aller Willkür aus.
Der "Kampf um Recht und Rechte" ist in Wahrheit entzweiender Machtkampf und schafft eher ausnahmsweise nachhaltigen Ausgleich.
Recht und Rechte, die dieses Namens würdig sind, können nicht um- und erkämpft, sondern nur in ehrlicher Absicht ausgehandelt werden, da sie ja Ausgleich schaffen sollen. Dieses Aushandeln ist ein fortwährender Prozess und kann nur symbolisch durch Zwischenstationen "abgeschlossen" werden. Die dem Willen nicht unterwerfbaren Veränderungen des Veränderten dauern fort und schaffen entsprechend unablässig Bedarf nach neuem Ausgleich. Es kann kein ein für alle Mal gültiges Recht, keine ein für alle Mal gültige, abschliessende Gerechtigkeit geben. Wer das verspricht, schielt nach Macht. Wer es sich versprechen lässt, schielt nach Bequemlichkeit, Privilegien und Entlastung von individueller Verantwortung.
Zum "Kampf" um Rechte kommt es immer dort, wo die faktisch überlegene Seite sich weigert, den notwendigen Ausgleich auszuhandeln und statt dessen ihre Überlegenheit zu "Recht" erhebt (rein mathematisches statt inhaltlich - z.B. durch die Verfassung - qualifiziertes Mehrheitsprinzip). In diese Lage abgedrängt zu sein bedeutet für den Betroffenen im Extremfall*, dass ihm Recht eben so fremd - weil unerreichbar - ist und bleiben muss, wie den Satten, Gesitteten und Zufriedenen die - nie erfahrenen Notwendigkeiten nackten Überlebens. (Der Extremfall* ist nicht auf einzelne sachliche Angelegenheiten beschränkt, schliesst die Provozierten ihrer Eigenarten wegen grundsätzlich, dauerhaft und auf praktisch alle Bereiche des Daseins bzw. der Existenzbewältigung bezogen von Verhandlungen über das Recht und ihre Rechte aus. Das ist die Grundform der Verweigerung rechtlichen Gehörs bzw. von Verweigerung der Rechtsgleichheit, zwei prominente Arten der Willkür.)
Zusammenfassung
Die animalische Grausamkeit begnügt sich mit der Sicherung des nackten Überlebens und endet von selbst mit Erreichung dieses Zwecks.
Anders als die animalische Grausamkeit, die bei den von "Recht" Verwöhnten - aus nachvollziehbaren Gründen - Ekel erregt, ist Willkür gegen zu Feinden und unwillkommenen Konkurrenten Erklärte gerichtet und entwickelt entsprechende Systeme, Strategieen und endlos wuchernde, Ressourcen verschleissende Dynamiken von Konkurrenz- und Machtkämpfen.
In den gegenwärtig dominierenden Zivilisationen und in den kulturellen Vakuen zwischen diesen wird animalische Grausamkeit regelmässig durch Gefühle der Ohnmacht gegenüber der wiederholten und fortgesetzten Erniedrigung durch anmassende und masslose Willkür aktiviert.
Die gegenwärtige, globale Krise ist grossen Teils auch Manifestation davon, dass, warum und wie bisher hemmungslos praktizierte Willkür jeder Art, Ausprägung und Zweckbestimmung an ihre Grenzen gelangt.