Während man in den Naturwissenschaften zu begreifen und zu lernen beginnt, Symptome nicht nach Klassen bestimmter Aussagen zu unterscheiden und zur unzweifelhaften Grundlage für eine Diagnose oder Deutung zu machen, sondern ihr Zustandekommen und dessen Ursachen zu analysieren, sind die sog. "Sozial"-wissenschaften - und auch in mancher Hinsicht die sog. "Geistes"-wissenschaften - beim Symptombegriff des 18. Jahrhunderts stehen geblieben. Entsprechend hilflos sind diese der durch die von ihnen bevorzugten Erkenntnismethode ausgelösten Flut zu unterscheidender und miteinander in Beziehung zu setzender Symptome, Phänomene, Signale, Meme, Seme, Begriffe, Szenarien, Prognosen usf' hilflos ausgesetzt. Es ist trügerisch, zu glauben, man könne etwas "rein theoretisch" beschreiben oder erfassen und es dann, mit denselben Abstraktionen, die die Theorie beweisbar gemacht haben, in die Wirklichkeit "umsetzen" und dort auch noch ohne Probeläufe und Weiterentwicklungen "auf Dauer" installieren.
Die Wirklichkeit kennt keine Abstraktion weil sie keinen "Willen" kennt und keinen Drang verspürt, irgend etwas zu verstehen, zu wissen, zu bewirken und entsprechend keine Willensdurchsetzungspotentiale akkumuliert. Das Wirkliche bedarf weder einer Intelligenz noch eines Bewusstseins, gleichgültig, ob das für den Menschen nun begreiflich ist oder nicht. Dennoch sind für den Menschen Intelligenz und Bewusstsein Aspekte des Wirklichen, gleichgültig, ob und wie er es wahrnimmt.
Abstraktion, Wille und Willensdurchsetzung sind zwar aus engagierter Sicht menschlichen Bewusstseins Bausteine und -teile für intellektuelle Konstruktionen menschlicher Daseinsauffassung, aus indifferenter, über- und aussersinnlicher und überbegrifflicher Sicht indessen blosse Optionen oder Kontingenzen der ganzen Wirklichkeit, zu der eben auch Alles gehört, was menschlicher, dem jeweiligen Stand der Evolution gemäss mehr oder weniger entwickelter und entsprechend beschränkter Wahrnehmungsfähigkeit noch nicht erreichbar ist. Die Unterschiede dieser Wahrnehmungsfähigkeit sind auch im Vegleich zwischen Zeit-, Zivilisations und Kulturgenossen individuell beträchtlich. Eine generelle Objektivität kann daher nur für einen sehr eng gefassten Ausschnitt gemeinsam übereinstimmender Wahrnehmung bzw. übereinstimmender Wertung von Wahrnehmung angenommen werden und ist entsprechend auf Banales eingeschränkt. Je höhere Differenzierung und Verfeinerung zu einer Wahrnehmung unerlässlich ist, desto ausschliesslicher ist deren Objektivität auf den Kreis der dazu Fähigen eingeengt.
Selbst Wissenschafter, die von sich glauben, den Kreationismus überwunden zu haben, neigen, wo sie an die gegenwärtigen Grenzen entweder der Beweisbarkeit bzw. der 'Objektivierbarkeit' oder wenigstens der Rechtfertigungsmöglichkeiten ihrer Vermutungen stossen, dazu, die Wirklichkeit als ein letztendlich sowohl raum-zeitlich als auch in seiner Entwicklung endgültig abgeschlossenes System mit unveränderlichem Konzept aufzufassen, in dessen festen Rahmen Evolution i.S. bloss noch einer Vervollkommnung einer an sich abgeschlossenen Schöpgung stattfindet, die letztendlich allein eine solche des Menschen, seines Wissens und seiner teils diesem gemäss, teils diesem zuwider erfundenen, teils improvisierten, teils erlisteten und teils zwanghaft eingerichteten materiellen, kollektiven (Infrastrukturen) und immateriellen (Wertsysteme, Gefühlsprogramme) Behelfe zur Daseinsbewältigung sei.
Im Mai vor 20 Jahren ist C.F. von Weizsäckers "Aufbau" der Physik erstmals aufgelegt worden. Die 4. Auflage ist im Mai 2002 erschienen (dtv, ISBN 3-423-33084-8) Schon der Titel postuliert überhaupt eine überwiegend materielle Wirklichkeit, die dazu eine nach universellen Bedingtheiten (sog. Gesetzmässigkeiten) wie ein Gebäude unveränderlich fest gefügtes System sei, das sich schon vor der Entstehung des Menschen zu einer Vollkommenheit entwickelt habe, die eine weitere Entwicklung erübrige - wenn nicht gar verunmögliche.
Das aber ist genau der harte Kern allen Kreativismus, wo dieser auch an fundamentalistische Ideen angrenzt, ob es sich dabei nun um eine kindlich naive und verbohrte oder um eine mit gigantischer Differenziertheit ausgeklügelte Spielart desselben handelt. Diese Grundannahme einer vollkommenen Erschaffenheit bzw. einer erschaffenen Vollkommenheit (die voneinander kritisch zu unterscheiden und die kritisch zu hinterfragen nie auf grosse Beliebtheit der den Ton Angebenden gestossen ist) ist Grundvoraussetzung für den Drang, eine "Einheit der Natur, so sie sich uns in der Einheit der Physik darstellt ... zu beschreiben und soweit als möglich zu begründen" (a.a.O: 3.Gedankengang - a._Methodisches S. 28 f.) - Wozu eigentlich? Was wird für wen damit gewonnen sein?
Die Ursachen aller Systemkrisen sind überwiegend und in entscheidendem Masse intellektueller Natur und beruhen auf der Maffiosität (Anmassung, Überheblichkeit, Rücksichtslosigkeit), mit der Dogmen etabliert und dann gegen beachtenswerte neue Erkenntnisse behauptet werden, vor allem aus dem spiessbürgerlichen Hang zur Bequemlichkeit heraus, als Experte, Lehrer, Adept, Gehilfe oder Höriger ehemals Erreichtes und Erfolgreiches zur möglichst endlos anstrengungs- und risikofreien Pfründe umzunutzen. Die mittels solcher Pfrund- bzw. Rentendogmen verbreiteten Überzeugungsmuster und argumentativen Schaltungen dienen immer mehr der Rechtfertigung zwar erfolgreich aber nicht objektiv zu Recht erworbener Besitzstände, Privilegien und Möglichkeiten, andern zu befehlen, was man selber zu tun zu träge, zu feige oder zu schwach ist. So wird das System nach Vorgaben erhalten und weiterentwickelt, die mit der Wirklichkeit in zunehmend gekünstelt abstrakten und theoretischen Zusammenhängen stehen (Elfenbeintürme). Dadurch gerät die Darstellung von Einzelheiten und ihrem Gewicht im Gesamzusammenhang zur Verzerrung der Sicht auf die grundlegend notwendigen Verhältnismässigkeiten des Systems.
Das Konkrete wird durch übersteigerte Abstraktion sosehr aus dem Realen ausgeblendet, dass die an und für sich rationale Methode zunehmend Ergebnisse hervorbringt, die irrationale Reaktionen provoziert.