2008-10-28

Ein System, das sich selbst 'besiegt'?

Von glaukothyr @ 00:27 [ CH-Bananenplantagen ]
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Eine Politikerin hat neulich öffentlich frohlockt: "Der Kapitalismus muss nicht mehr länger bekämpft werden, er hat sich selbst 'besiegt'."
In dieser Formulierung liegt, wenn sie wirklich ausdrücken wollte, was ihre wortwörtliche Auslegung hergibt, nämlich dass der Kapitalismus ein mit sich selbst ringendes Wesen sei, dessen eine Seele nun die andere bezwungen oder überwunden habe, entweder eine Anerkennung der "guten Seite", mit der man nun künftig vernünftig zusammenarbeiten könne, oder eine Warnung, dass die schlechte Seite obsiegt habe, was aber notwendig machen würde, diese erst recht zu 'bekämpfen', um wieder der guten Seite auf die Beine zu helfen. Es ist also nicht klar, was wirklich gemeint war.
Vielleicht war gemeint, der Kapitalismus habe sich selber zu Grunde gerichtet (was etwas ganz anderes ist als sich selber besiegt zu haben und auch keineswegs auf Dasselbe hinausläuft), woran ja offensichtlich etwas Wahres dran sein muss.

Hier stellt sich aber die Frage, was eigentlich mit "Kapitalismus" gemeint sein kann, worüber alles andere als Einigkeit besteht und worüber Einigkeit, nachdem sie seit 1867, dem Erscheinungsjahr des 1. Bandes von "Das Kapital", nicht schlüssig geklärt worden ist, nicht rasch genug erlangt werden kann, um die Krise zu bewältigen.

Über den "Niedergang des Kapitalismus" zu frohlocken, ist besonders aus sozialistischer Sicht nicht minder kindisch als, aus kapitalistischer Sicht, den Sozialismus zu verwünschen und ausmerzen zu wollen. Keine der beiden Sichtweisen ist entbehrlich, um ökonomisches Geschehen und die Motive individueller und Kollektiver Stellungnahmen dazu und Reaktionen darauf zu deuten, geschweige denn wirklich zu begreifen.
Die aktuellen Ereignisse sind Beleg dafür, wie weit selbst die fortgeschrittensten Teile und die bestgebildeten Individuen der Menschheit noch davon entfernt sind, die sich wechselwirkend und auf verschlungenen Bedingungs- und Fortsetzungssträngen durchwebenden Dynamiken dessen zu begreifen, was Geld und Gegenwerte dazu schafft, sie strömen und verwirbeln lässt und wieder zerstört, nicht zu reden davon, sie zu kontrollieren oder gar zu bändigen.

Die vielen zur Zeit von Fachleuten mit redlichem Bemühen gebotenen Erklärungsveruche für die aktuellen schweren Störungen des Weltfinanz- und Wirt-
schaftssystems entbehren in bestürzendem Masse wenig bis fast gar nichts anderes als schon seit langer Zeit Dogmatisiertes. Meistens berufen sie sich auf die Beurteilung von Symptomkonstellationen, aus denen in der Vergangenheit angeblich die jeweils richtigen Folgerungen gezogen und die tauglichen Massnahmen ergriffen worden seien (was ein Laie ohnehin nicht überprüfen mag und kann). Diese Erklärungsansätze sind etwa so differenziert, wie eine Medizin auf dem seit einiger Zeit überwundenen Stande, die typische Symptomkonstellationen einer jeweils einzigen Krankheit zuordnen wollte oder die sich auf die Methode zu beschränken trachtete, die fuktionale Leistung eines Organs statistisch mit dessen anhand struktureller Merkmale beurteilten Zustand in Wechsel-beziehung zu setzen.

Zu den politischen und kommerziellen Aspekten, unter denen von den beiden bisher prominenten Standpunkten aus hauptsächlich gegeneinander argumentiert und zu selten nach kooperativen Ansätzen gesucht worden ist, sind weitere Aspekte hinzugetreten, die nach herkömmlichen Auffassungen als Konstanten behandelt worden sind oder die für grundsätzlich unerschöpfliche Voraussetzungen menschlichen Daseins und Handelns gehalten worden sind.
Beide Positionen, die sog. "kapitalistische" wie die sog. "sozialistische" und die periodisch sich von der einen nach der andern Seite hin verlagernde Verwirklichung ihrer wichtigen bzw. für wichtig gehaltenen Aspekte haben sich gegenseitig angeregt und bedingt, sowohl wirtschaftlich als auch politisch.
Vom rein Begrifflichen her sind diese beiden Denkschulen für das Künftige nicht mehr wirklichkeitsbezogen und veraltet. Z.B. ist die Herrschaft über Produktionsmittel nicht mehr von vorrangiger Bedeutung für die Fähigkeit zu wirtschaftlicher Selbstbehauptung und Durchsetzung. Der Zugang zu Information, die sich zu Innovationspotential akkumulieren lässt oder die Distributionssynergieen aktiviert und die Herrschaft über Informations-netzwerke (von denen die Finanznetzwerke einen wesentlichen Teil ausmachen) haben die Herrschaft über die Produktionsmittel abgelöst.
Die beharrliche Weiterverwendung "kapitalistischer" und "sozialistischer" Vokabeln und Argumentarien zeugt von Hoffnungen, wieder zu dem zurückkehren zu können, was noch bis Mitte 2007 für den "Courant normal" bzw. für "Business as usual - and for ever" gehal- ten wurde. Diese Hoffnungen werden in den kommenden drei bis vier Jahren endgültig begraben sein.

2008-10-21

Vasellas Worte auf der Apothekerwaage

Von glaukothyr @ 11:32 [ CH-Bananenplantagen ]
Auf die Apothekerwaage müssen Vasellas Worte zur Entlöhnung seltener Exemplare des homo aurumvorax insatiabilis, wie dieser selbst eines ist, schon deshalb gelegt werden, weil ohne Feinabwägung ein Aussagegehalt nicht nachweisbar ist. Dieser minim dosierte Feingehalt an verständlicher Aussage verdeutlicht den Unterschied von Vasellas Sprache zu dem, was dieser als "Populismus pur" bezeichnet, der mit fetten Lettern,  in Rot und Schwarz auf Weiss hingestellten Schlagworten und Reizthemen argumentiert, wie es den Denkfaulen und nach wohlfeilen Recht-fertigungen für ihre Bequemlichkeiten und Gewohnheiten Bedürftigen gefällig (plausibel) ist. Vasellas Sprache richtet sich mit demselben Zweck wie die populistische statt an den von Seinesgleichen auf die Strasse gestellten Mann an ein von "Erfolg" und "Prestige" verwöhntes Publikum, dessen Bequemlichkeiten und Gewohnheiten nicht minder der Rechtfertigung bedürfen - und bedürftig bleiben.
 
Vasella ist nach eigenem Selbstverständnis davon befreit, sich an eine Öffentlichkeit zu wenden, die er nur als Pöbel wahrzunehmen im Stande ist.
Ihm ist der Unterschied zwischen einer Propaganda mit dem Zweck, eine erhellende Diskussion in der Gesellschaft über die sie beeinflussenden und verändernden Bedingungen und Kräfte zu ver- oder zumindest behindern, einerseits und der Diskussion selbst, ihren Beweggründen und Anliegen andererseits "einerlei" im wahrsten Sinne des Wortes. Insofern unterscheidet sich Vasellas Argumentationsweise von der nach allgemeiner Auffassung meist zu Recht als  "populistisch" bezeichneten bestenfalls im Stil, nicht aber in der allem Populismus mehr oder weniger ausgeprägt eigenen, eher verantwortungsscheuen Einstellung zur Wirklichkeit.
Diese klar erklärte Gleichgültigkeit gegenüber wichtigen Unterscheidungen des Wesentlichen wirft natürlich auch Fragen nach der Bedingtheit und Orientierung des Denkens auf, das derartige Äusserungen offenbar hemmungs-, scham- und mühelos hervorbringt. Diese Fragen sind nicht in der eifachen Weise zu beantworten, in der Vasella Komplexes zu erklären sich selbst für fähig hält.

Vasella kann aus dem "neuen System" heraus, in dessen hohen Solde er denkt, auch nicht zwischen folgenden beiden Fragen unterscheiden :
  • - sind die Boni und Gehälter oberster GEOs und CEOs für eine Finanz-, Struktur-, Nachfrage-, Angebots- oder gar für eine generelle Versorgungskrise ursächlich ?
  • - wozu denn der ganze Aufwand für ein "neues System", wenn darin kein "Ansatz" enthalten ist und - wie es Vasella darstellt - ein solcher von vornherein nicht enthalten sein kann, Krisen für immer (oder wenigstens auf absehbare Zeit hinaus) zu verhindern" oder allerwenigstens, deren katastrophale Auswirkungen für grösste Teile der Weltbevölkerung wohltuend zu lindern?
Dass die erste Frage aus rein rechnerischen Gründen - die aber nicht die einzigen sind - leicht mit Nein zu beantworten ist, präjudiziert rein gar Nichts für die zweite Frage, die letzlich eine Frage des Stellenwertes der Ökonomie für die individuelle und kollektive Gestaltung von nach menschlichem Urteil als lebens- und erfahrenswert gelten kann. Das hängt ganz offensichtlich und dennoch nicht eindeutig nicht allein von gut geölt laufender Wirtschaft ab.

Sind solche zu beachtlichen Teilen zwanghafte Systeme ökonomisch bzw. können sie überhaupt einen wirklich ökonomischen Zweck erfüllen?
Wenn ja, wozu dann braucht die Menschheit eine in so hohem Masse zwanghafte Ökonomie mit offensichtlich unberechenbaren Ergebnissen - oder anders rum : "Wem nützt eine solche Ökonomie, zu deren Folgen der grössere Teil der Menscheit nichts zu sagen aber unter denen sie schwer zu leiden hat?
Vasella schützt die Unmöglichkeit, durch bestimmte Anforderungen an Führungssysteme und an die entsprechende Einrichtung derselben künftige Krisen zu verhindern, vor, um der Frage nach der Verantwortung für Systemkonzepte und für die diesen zugrundegelegten "wissenschaftlichen" Annahmen und Theorieen auszuweichen.
 
Wenn Vasella und seine ideologischen Glaubensgenossen argumentieren, ein System dürfe "nicht immer wieder geändert werden", anerkennt er, dass eine Systemveränderung in jüngerer Zeit stattgefunden hat, denn sonst könnte er keinen Anlass haben, die Häufigkeit von Systemänderungen anzusprechen. Vielleicht versuchen und ihm gleich Gesinnte so, das Thema eventueller Korrekturbedürftigkeit neulich vorgenommener Anderungen zu meiden.
Vasella und mit ihm viele sich als in der Privatwirtschaft Höchstgestellte von der öffent-lichen Meinung herausgefordert Sehende tun so, als wären die zeitliche Nähe, weitere Ei- genschaften und auffallende Anzeichen für kausale Bezüge der festgestellten Verwerfungen zwischen den theoretisch als "rein ökonomische" dargestellten und den übrigen Potentialen und Dynamiken zu eben diesen Systemexperimenten jüngerer Zeit reine Hirngespinste und seien für grössere Teile der Zeitgenossen keine sehr konkreten Schwierigkeiten entstan- den, die nur unter grossen Verlusten für die Allgemeinheit zu bewältigen sind. Vasella und ihm gleich Gestellte und Gesinnte stellen sich gegenüber Erwägungen ihm intellektuell und bildungsmässig Ebenbürtiger taub, ob eher die Frage nach der Ursächlichkeit dieser Sys- temerneuerungen für die der Allgemeinheit entstandenen Schwierigkeiten oder die Frage nach der Tauglichkeit von Systemen solcher Grösse und mit solchen Führungsspitzen und den diesen gefällig angelegten Entscheidungswegen für die Anforderungen künftiger Wirk- lichkeiten zu stellen sei. Beide Fragen sind für die Höchstgestellten unbequem. Die letztere ist die wirklich brennende, deren Feuer an den Stützen gegenwärtig noch etablierter Macht und an den Gerüsten der Prestigeordnungen leckt.

Sinkt ein Schiff, ist die Frage nicht, ob der Kapitän zu hoch entlöhnt worden sei, sondern was - oder evt. wer es wie zum Sinken gebracht hat. Unabhängig von ihrer Entlöhnung und davon, dass selbst eine volle Rückerstattung aller an das oberste Kader  bezahlten Entschädigungen das gesunkene Schiff nicht wieder seetauglich machen, werden der Kapitän und die höchsten Offiziere sich zu den Umständen und möglichen Ursachen des Absaufens des von ihnen gesteuerten Kahns einige Fragen stellen lassen müssen und werden auch Überlebende, obwohl diese keine nautischen Kenntnisse und Erfahrung haben, als Zeugen dazu befragt. Das ist nicht "Populismus pur" sondern das von der Vernunft gebotene Vorgehen zur Erkundung der Ursachen und Umstände einer Havarie.
 
Die Diskussion geht ja nur vordergründig plakativ um die Entschädigungen der Führungsspitzen (und diese plakative Vordergründigkeit kann böswillig als "Populismus" verkannt werden), gilt aber substantiell dem Führungssystem und der Machtgenerierungseffekte solcher Systeme an sich, die offenbar einerseits extrem grossen und unmenschlich, jedenfalls unter Aspekten der Menschenwürde befremdlich wirkenden Lohnaufwand für die Führungsspitzen erheischen, andererseits aber auch Klumpenrisiken fehlerhaften Machtgebrauchs entstehen lassen.
 
Vasella findet häufige Sytemänderungen nicht gut, weil diese den "Mitarbeitern" des Systems jedesmal "zeitaufwendig erklärt werden müssten", um zu verhindern, dass es mangels Verständnisses des Systems seitens der Mitarbeiter zu einem "furchtbaren Durcheinander" komme. Weit- und Vorsicht und Folgerungen solcher Art lassen wahrlich grossartige Führungsqualitäten ahnen.
Also lieber mit einem vielleicht für die künftig unerwartet und unvorhersehbar veränderten Bedingungen suboptimalen System forfahren, weil man den Mitarbeitern nicht zutraut, dass die selber urteilen und begreifen können, für was für ein System sie arbeiten?
Für Vasella hört offenbar die Welt ausserhalb der Campusmauern der Novartis auf und beginnt dort die Wildnis des "puren Populismus", während innerhalb der Novartis die Ordnung herrscht, die auf perfekter Verinnerlichung des zeitaufwändig ein für alle Mal "verständlich gemachten" Systems beruht.
Auf die Idee, dass auch Anleger, die Kundschaft und die Öffentlichkeit das System gern erklärt haben möchten und zwar so, wie es Ebenbürtige, Unabhängige und Aussenstehende erwarten, kann Vasella aus der Befangenheit seines Denkens im ihm gefälligen und ihn hoch - und wie er zu meinen scheint - über Alles stellenden System nicht kommen.
 
Die Gesamtheit von Vasellas Auftritten gegenüber der Öffentlichkeit hat viele Eigenschaften, die Max Weber in seinem anno 1919 auf Veranlassung des Münchner Freistudentischen Bundes gehaltenen Vortrag über Politik als Beruf dem Idealtypus des bedingungslos und bis zur Selbstverleugnung gehorsamen und loyalen und dafür aller Verantwortung gegenüber "aussen" enthobenen Beamten zuschreibt, dessen "Ehre" in seiner unkritischen Hingabe an den "ganzen Apparat" (das System) besteht, was wenig Raum und Energie für individuelle sittliche Eigenverantwortung gegenüber allem, was nicht systemhörig und systemabhängig ist, übrig lässt. Diese Eigenschaften sind gerade nicht mit der "ausschliesslichen Eigenverantwortung" jedes an höchster Stelle Führenden vereinbar, "die dieser für alles, was er sagt, entscheidet und tut, nicht ablehnen oder abwälzen kann und darf".  (Max Weber : Politik als Beruf, Reclams Universalbibliothek Nr.8833, ISBN 978-3-15-00833-3 S. 32).
 
Vasella ist also nach den von Max Weber vorgeschlagenen Kriterien kein höchst qualifizierter Führer sondern ein für seine unkritische Hingabe an (bzw. für sein vorbehaltloses Verständnis für) das speziell ihn hoch stellende System höchstbezahlter Musterbeamter.
Die Frage drängt sich je länger desto dringlicher auf, von wem sich Vasella gegenüber der Öffentlichkeit als fähiger Unternehmensführer hinstellen lässt während er bloss bedingungslos gehorcht und was eigentlich von Novartis hinter der Fassade eines "ganz normalen" Pharmaunternehmens wirklich angestrebt wird.

 


2008-10-10

Ganzheitlichkeit - Herausforderung an die Demokratie

Von glaukothyr @ 21:24 [ 013 Teilchenbeschleuniger ]
In der Idee der "Ganzheitlichkeit" (die weit über das "Katholische" i.S. des Allgemeinen bzw. des "Alle Einigenden" hinausgeht) liegt letztlich die Aufforderung zu Demokratie nicht nur auf der traditionell politischen Ebene, sondern auf allen Ebenen zunächst - quasi als nächst bevortstehende (und nur in einer Art Quantensprung zu nehmende) Stufe - des Mensch Seins - und von dort aus auf einer noch anspruchsvolleren Ebene der Lebendigkeit in mannigfaltiger und schliesslich beliebiger Wesensform.

Das Meiste, was bisher über "Ganzheitlichkeit" oder auch nur über die eine, kleine Fascette davon, die "Interdisziplinarität", geäussert worden ist, läuft vorläufig einfach auf neue Formen von immateriellen, theoretischen und ideologischen Gebietsansprüchen und Rechthabereien als Grundlage neuer Machtverteilung und deren Institutionalisierung hinaus.
Ganzheitlichkeit lässt sich aber nicht über Machtverteilung sondern nur gründend auf allseitigen und weitgehenden Machtverzicht erlangen, ob das nun für die "politische" Mehrheit der Menschen einsichtig und begreiflich und der "ökonomisch verblendeten (statt gebildeten) Mehrheit" der Menschen willkommen ist oder nicht.
Wahre Ganzheitlichkeit ist ihrem Wesen gemäss weder kontrollierbar noch regulierbar und erst recht nicht planbar und herstellbar. Sie erwächst aus ausschliesslich individueller und nicht durch Ideologieen, Dogmen und Vorurteile gefilterter Wahrnehmung der existentiellen Herausforderungen einer sich von Augenblick zu Augenblick wandelnden Wirklichkeit. Sie fordert den eigentlichen Verzicht auf Politik, Ideologieen und Strategieen, was dem Verzicht auf Karrieren als Lebenssinn spendende Schaltungen und damit ein völlig anders ausgerichtetes Daseinsbewusstsein als Instrument für autonome, individuelle Existenzentwürfe voraussetzt. Auch Zeit- und Raumansprüche werden aus ganz anderen Anschauungen und sich daraus entwickelnden Bedürfnissen völlig neu formuliert sein. Die Kostenfreiheit ihrer Befriedigung wird ein Menschenrecht sein und anderen diese Befriedigung vorzuenhalten oder einzuschränken wird grundsätzlich so wenig zulässig sein, wie heute schon gegen Leib und Leben gerichtete Gewalt.

Voraussetzung zu dieser individuellen Einsicht in das eigentlich unbändige Wesen aller Lebendigkeit ist eine Gemeinschaft emotional, moralisch, ethisch und rational weitestgehend selbstverantwortlicher und von Fremdbestimmungen entwöhnter Individuen, die keiner Gesellschaft und keines Normkollektivs bedürfen, die wohl aber gewillt und im Stande sind, kooperativ den Bedürfnissen optimierter Ressourcenschöpfung, -verteilung und -nutzung angemessene Infrastrukturen zu entwickeln, bereitzustellen und so zu nutzen und zu warten, dass sich daraus für jedermann möglichst geringfügige Abhängigkeiten und vor allem möglichst geringfügig unterschiedliche Abhängigkeiten ergeben.
Das erfordert emotionale und intellektuelle Erziehung und Bildung und dazu geeignete Einrichtungen, die die hoffnungslose Rückständigkeit dessen, was heute Kultur, Bildung und Erziehung genannt wird, gegenüber den Herausforderungen der nächsten 500 Jahre offenbart. Die Alternative dazu, sich auf diese Herausforderungen einzustellen, ist die Fortsetzung der bisher gekannten und erfahrenen Miseren, Grausamkeiten und Trostlosigkeiten.
Es mag vermessen klingen, als nächste Zukunft der Menschheit einen Zeitraum eines halben Jahrtausends zu nennen. Ein solcher Massstab ergibt sich unausweichlich aus den Zeithorizonten und ressourciellen Ansprüchen gegenwärtiger Zivilisationsformen, die vor keinen Grenzen Halt machen, solange kein Zwang dazu besteht.

Das aus sagenhaften Kulturen, die es schon vor 50'000 Jahren gegeben haben soll, Überlieferte gibt keinerlei Anhaltspunkte dazu, dass je eine Kultur, die für uns sicht- und greifbare Spuren hinterlassen hat, den hier als Vision vorgestellten Zustand dauerhaft erreicht habe. Alle bisher einigermassen nachweislichen oder vermutbaren Kulturen mögen zivilisatorisch oder technisch dem gegenwärtig Erreichten ebenbürtig oder gar überlegen gewesen sein, sind aber alle, wie es rückblickend den Anschein erweckt, auf dem Höhepunkt des nach ihrem Denken, Wissen und Können Möglichen und Machbaren angelangt, an sich selbst bzw. der masslos gewordenen Übertreibung ihrer Gewohnheiten und Kulte zu Grunde gegangen.