2007-09-29

Warum nur lässt Gott zu, dass ... ?

Von glaukothyr @ 00:07 [ 013 Teilchenbeschleuniger ]

Die Frage der Entsetzten und Verzweifelten, warum denn Gott zulasse und zulassen
könne, was nach deren Vorstellung seinen Gesetzen und seiner Schöpfung zuwider,
ist so alt wie die Vorstellung von Gott, vorallem von Gott, der den Menschen ge-
schaffen habe und daher für sein Geschöpf der einzig vorstellbare und wahrnehm-
bare sein kann, jedenfalls dann, wenn es sich diesem als dessen Geschöpf unter-
wirft oder ihm unterworfen wird, wie das bei Monotheismen, die sich auf Staatsge-
walt abstützen oder an diese anlehnen oder diese gar begründen wollen, noch bald
einmal der Fall ist.

Warum die Folgerung unausweichlich sein muss, dass das Geschöpfte dem Schöpfer unterlegen und deshalb auch untertan sei und sein müsse, ist von denen, die das den Arglosen als unumstössliche Gesetzmässigkeit beibringen und aner-
ziehen, nicht schlüssig erklärt und nachgewiesen. Die das behaupten und lehren
gehen von einem auf Zwecke ausgerichteten Willen des Schöpfers aus, worin
bereits auch Gehorsam als Unterwerfung unter einen vom (feudalen) Gebieter
gewollten und vom Gehorsamen 'richtig' verstandenen Zweck eingefaltet - und entsprechend einfältig - ist.
Auf solcher Einfalt beruhen sowohl klerikale Hierarchieen ('heilige' Ordnungen) als
auch 'neue Weltordnungen', Führungsstrukturen und Entscheidungsbäume - und
entsprechend sieht die Welt heute aus.

Was in den Schöpfungsgeschichten mit der Erschaffung des 'Menschen' wirklich
und/oder letztlich (was nicht genau dasselbe ist) gemeint ist, wird nirgends aus-
drücklich gesagt, sondern begegnet dem so Fragenden als Vielfalt von Deutungen,
Gleichnissen und Legenden. Je nach Vorstellungsvermögen und Abstraktionsbe-
dürfnis ist das z.B. ein Urpaar, wovon die verschiedenen Stämme und Verzweigun-
gen, Varianten und Mutationen abstammen, ist es die Gesamtheit von Bedingun-
gen, unter denen sich Menschheit in einem evolutiven Vorgang entwickelt und ent-
faltet oder ist es die Idee bewusster Existenz in hochverdichteter Vernetzung all
dessen, was - vorallem für menschliches Wahrnehungs- und Fassungsvermögen -
als 'Materie' und deren Naturgesetzlichkeit erscheint.

Deutlich wird, dass Glaubensvorstellungen, in denen die Bedingungen und Aspekte
der Lebendigkeit und des Schicksals auf ein Universum unsichtbarer aber als wirk-
lich erfahrener und vorgestellter Kräfte unterschiedlicher Animations-, Imagina-
tions- und Personifizierungsebenen zurückbezogen bzw. zurückverwiesen (reli-
giert) werden, diese Frage (warum Gott zulasse, was ihn nach frommer Vorstel-
lung 'erzürnen' müsste) nicht kennen, jedenfalls nicht als zwängende oder jam-
mernde Einforderung einer Ordnung, eines Gesetzes, von Moral oder Gerechtig-
keit, ganz besonders nicht als Frage nach Schuldigen, die zu bestrafen, und nach
Frommen, die zu belohnen seien bzw. wären.
Vermutlich liegt gerade in diesen Kindergarten-(=Paradies-)-vorstellungen der
Aberglaube an die Unlösbarkeit der Probleme begründet, die sich daraus ergäbe,
wenn Wohlstand nicht als Belohnung für Wohlverhalten sondern als notwendige
Voraussetzung menschenwürdigen Daseins und sich Entwickelns aufgefasst und
gewährt würden.

Das Universum umfasst zum kleinsten Teil menschlichem Ermessen überhaupt
Zugängliches und ist grössten Teils von Myriaden unbegreiflicher Wirklichkeiten
erfüllt.
Es ist alles andere als auf ein einziges grosses und über alles ihm Widerstreben-
de Richtendes und alles ihm Huldigende und Dienende Belohnendes gerichtet, son-
dern von Kämpfen und Konkurrenzen verschiedener Herrschafts- und Verfügungs-
ansprüche gegen das Prinzip der elementar anspruchslosen - und entsprechend
gesetzlosen und keiner durch Belohnung und Strafe gewahrten Ordnung bedürf-
tigen Schöpfung durchtobt.

Der Einzelne ist darin diesem chaotischen Evolutionsvorgang, in welchem sogar die
höchste Schöpferkraft als einmal - in 'undendlich ferner Zukunft' (für die der
heute gebräuchliche 'Zeitbegriff' allerdings untauglich ist) erschöpfte überliefert
ist, gegenübergestellt und es liegt, ungeachtet aller äusseren Umstände seines kon-
kreten Daseins, allein an und bei ihm, welchen dieser Kräfte er seine Aufmerksam-
keit und Zuwendung schenken und wie er sein Handeln (Karma = griech. Pragma)
mit seiner autonom bestimmten Ausrichtung in Übereinstimmung bringt. Ob in der unbegreiflichen Wirklichkeit die Naturgesetze des Begreiflichen gelten oder nicht
und ob aus dortiger Wahrnehmung über Schuld und Unschuld, Ursache und Wir-
kung, falls solche Gegenstände dort überhaupt von Bedeutung, wie im 'Diesseits
oder ganz anders 'geurteilt' wird (falls eine solche Vorstellung eines Urteilens mit
dem Schöpferischen überhaupt vereinbar), kann aus der beschränkten Sicht und Handlungsfreiheit eines aus zeitgenössischem Wissen und überlieferten Sentimen-
talitäten und Irrtümern geflochtenen Käfigs nur spekuliert, nicht aber in irgend einer Hinsicht gültig beantwortet werden, denn es bleibt verborgen, ob diesseitige
Belange jenseits Bedeutung haben, falls mit "Jenseits" als Dimension welcher Art
auch immer zu rechnen nicht weniger müssig oder gar lächerlich ist, als nur das
Diesseits als das Leben ausmachend zu akzeptieren.

Es darf nicht überraschen, dass die kollektive Grundeinstellung zum umgreifend
Unsichtbaren, Unwägbaren, Unermesslichen und entsprechend Unkontrollierbaren
und Unbeherrschbaren und dessen Abwägung gegen das Begreifliche und leicht 'Einleuchtende' (Illusion) und Vorstellbare je nach ihren Grundannahmen und den
darauf gründenden dogmatischen, theoretischen und spekulativen Ausgestaltungen
völlig verschiedene Vorstellungen von sog. 'Grundwerten' wie Recht, Ordnung, Menschenrechte, Menschenwürde usf. hervorbringt und dass die Vernachlässigung
der Wirklichkeit solch unterschiedlicher Entwicklung kosmoskopischer Modelle und Szenarien und darauf gründender Kulturen durch die institutionalisierten Rechtha-
bereien in den verschiedenen Wissenskollektiven zu Konflikten auf profaner, bana-
ler und materieller Ebene führen muss, weil die Bedeutung des Profanen, Banalen
und Materiellen genauso vielfältig und widersprüchlich ist wie die des Unbegreifli-
chen und mit der Vorstellung vom umgreifend Unbegreiflichen in sich fortspinnen-
der Wechselwirkung steht.

Nur für das Augenblickliche und Nebensächliche - wie etwa für den Kauf einer
Fahrkarte oder einer Sonnenbrille - kann formelle und scheinbare Einigkeit über
das Banale, Profane und Materielle bestehen. Schon beim Besuch eines Restau-
rants beginnen sich die Unterschiede für die Feinfühligen auszuprägen.

Die Erwartungen und die einst gewiss ehrliche Hoffnung vieler Oekonomen, ob
sozialistischer oder kapitalistischer Pragmatik verpflichtet, es genüge zur Über-
brückung dieser tiefgreifenden Unterschiede in der Grundeinstellung zu den As-
pekten der kollektivierten Rückverweisung subjektiv eigenen Daseins auf des-
sen Ursprung an oder in etwas als umgreifend Geahntes, die profan- und banal-
materiellen Probleme menschlichen Daseins nach 'monotheistisch' nachempfun-
den einheitlichem, auf für höchstwahrscheinlich gültigen Gesetzmässigkeiten
beruhendem Konzept global zu erfassen und 'anzupacken', haben sich in weit
mehr als hundert Jahren trotz gewaltig entwickelter Hilfen durch neue techni-
sche, stochastische, logistische und administrative Instrumentarien (wovon z.B.
die Weltbank eine wichtige Komponente aus noch jüngerer Zeit) und deren
Kombinationen ganz eindeutig nicht erfüllt und das weitere Beharren auf diesen
Hoffnungen und auf daraus konstruierten Dogmen und Programmen wird von
Tag zu Tag abergläubischer, rechthaberischer und verhängnisvoller.

Dass bessere und überzeugendere Theorieen zu entwickeln versäumt, verplem-
pert und - teils zur Wahrung von Machtansprüchen - verhindert wurde, macht das
heute von der Fachwelt Anerkannte und Angewandte nicht tauglicher.
Gott lässt eben nicht nur zu, er treibt vor allem zu Nichts an. Er lässt geschehen
und befindet es - nach der menschlichen Überlieferung - hinterher und aus seiner
schöpfungskräftig vollkommenen Perspektive - für 'gut', ohne Jemand zu fragen -
und ohne dass es zuvor die Vorstellung von 'gut' und keine ausdrückliche Erschaf-
fung dieser Vorstellung durch den Schöpfer gab, jedenfalls, wenn man den Text
dieser Geschichte wortwörtlich deutet.

Dass dieses 'Gute' im Unterschied zur profanen, banalen und materiellen Welt
offenbar keiner Schöpfung bedurfte, weist darauf hin, dass es im Chaos enthalten
oder nebst diesem wirklich gewesen sein könnte. Daraus folgte, dass wohl die
Schöpfung dieses als Einziger und Einer aufgefassten Gottes Werk war und ist,
nicht aber auch, dass der Schöpfer seine Schöpfung auch für 'gut' befinden
konnte.
Hieran muss nicht aber kann eine Vermutung angeknüpft werden, dass 'Gut' und
'Schlecht' (was hier von 'Lieb' und 'Böse' unterschieden wird) schon vor der Schöp-
fung diese umgreifende Wirklichkeiten und evt. gar Bedingungen für die in der Ge-
nesis beschriebenen Schöpfung waren.
So oder so aber entzieht sich die Deutung von 'gut' im Zusammenhang mit der Ent-
stehung sämtlicher Vorgeschichten zur jeweiligen Gegenwart des Einzelnen und der
Kollektive (an denen derselbe eher gezwungenermassen als freiwillig teilhat und
teilnimmt) jedem allgemeingültigen Urteil nach menschlichen Vermögen.
Was 'gut' aus der Sicht der Vorbedingungen zur Schöpfung bedeutet, hat nichts mit
dem menschlichen Urteil darüber, was ihm behagt, zu tun. Es ergibt sich durchaus
ein Sinn, wenn das jeweils nachträgliche 'Gutdünken' des Schöpfers bedeutet, 'es
ist möglich und hat Aussicht auf fortgesetzte Entfaltung'.

Eine solche Interpretation erzeugt ein Bild Gottes nicht als wollenden Macher son-
dern als freudig spielend kreativen und glückreichen Experimentator. Allerdings
ruft die von der Wissenschaft in die kollektive Kosmoskopie transportierte Vor-
stellung vom "Big Bang" auch die Frage auf, ob dieses Experiment übermächti-
gen Geistes evt. auf einer - wie wohl göttlichen - 'Fehleinschätzung' beruhte,
deren Konsequenzen nun die Menschheit zu tragen hat.
Sollte das zutreffen, was sich aber niemals feststellen lässt, könnte das Vermu-
tungen Vorschub darüber leisten, warum die Frage, warum Gott das 'Ungute'
zulasse, unbeantwortet bleibt. Wer gibt schon Fehler zu, die ihm nicht nachge-
wiesen werden können und die seinen Status in Frage stellen? Warum eigent-
lich soll das Göttliche nicht auch noch an Unvollkommenheiten - auf weit über
dem Menschen stehender Ebene - scheitern - gerade wenn doch berichtet ist,
der Mensch sei nach dessen Ebenbild gestaltet?
Es ist natürlich - besonders für Rechthaber und Besserkönner - alles andere als
leicht und erhebend, sich als Geschöpf eines zwar seinen Geschöpfen gegenüber
weit überlegenen aber im Umgang mit seiner Schöpferkraft noch nicht unbedingt erfahrenen (wie der Mensch auf seine Verhältnisse bezogen sagen würde) "Schöpferlehrlings" zu sehen. Aus solcher Sicht könnten für gewisse andere kos-
misch hochgestellte Instanzen durchaus Gründe bestanden haben, gegenüber
dieser "Erschaffung" des Menschen Vorbehalte anzubringen.
Das muss den Wert des Mensch Seins und Mensch Sein Dürfens nicht zwingend
herab- setzen, wenn man das Unvollkommene als liebens- und lebenswert an-
nimmt und eben die perfektionistischen Ansprüche der hochmütigen Kritiker
gegenüber der Liebens- und Lebenswürdigkeit als eher kleinlich, unschöpferisch
und lebensfremd veranschlagt.

Es gibt aber auch noch zwei andere mögliche Spekulationen :
a) Der 'Big Bang' hat mit der Schöpfung überhaupt nichts zu tun
b) Der 'Big Bang' und dessen Folgen stören die Schöpfung.

Wie gesagt : Es geht hier um Spekulationen und Hypothesen. Und 'Bildgebungs-
verfahren' führen zu nichts weiter als eben Bildern, die immer nur davon möglich
sind, wovon wir berhaupt eine Vorstellung bereits haben oder wenigstens ahnen,
dass es zum Vorgestellten einen Bezug haben könnte - bzw. dem Drang unsere
Wollens gemäss - haben müsste.


2007-09-14

Abschied von einem Aberglauben

Von glaukothyr @ 20:43 [ Mottenkiste ]

13. Oktober 1995

Sehr geehrter Herr T.,


Ihr Wirtschafts- und Börsenbrief war und ist immer sehr interessant zu lesen und
ich habe grossen Respekt vor der Sorgfalt und Umsicht, mit der Sie Ihre Rat-
schläge begründen.

Unsere Einstellung zu "Geld" hat sich geändert. Wir haben zur Zeit "genug davon"
und möchten uns nicht länger halbprofessionell damit beschäftigen, uns zu sorgen,
ob wir wohl immer "genug davon" haben werden.
Wenn Mario Simmel einmal titeln konnte: "Liebe ist nur ein Wort", so gilt das in
ähnlicher Weise auch für Geld. Es wird tagein tagaus von früh bis spät so viel
und so Vieles davon geredet, dass "Geld" alles oder nichts (und auch "Alles oder
Nichts!") bedeuten kann.

Der wertvollste Teil des Vermögens ist derjenige, den man in nächster Zeit ausge-
ben kann. Der Rest bzw. alles Übrige ist - in den heutigen Währungssystemen und -relationen - reine Spekulation - mit und ohne Börse.

Beachtet man Indikatoren, die für die Ökonomen und Politologen nichtssagend
sind, so ist nicht auszuschliessen, dass spätestens die heute Neugeborenen über
unseren Aberglauben vom und ans "Geld" mitleidig den Kopf schütteln werden.

Ich will meine Beschäftigung mit Geldfragen und -"sorgen" einschränken und eine
Folge davon ist auch, dass ich Ihren Börsenbrief nicht mehr benötige.
Darf ich Sie daher bitten, die Weiterlieferung ... einzustellen?
Ihren Bemühungen und Ihrer Leser- und Kundschaft wünsche ich herzlich viel Erfolg.

Mit freundlichen Grüssen

****

 


2007-09-11

Die Ökodiktatoren und die Freiwilligen

Von glaukothyr @ 05:29 [ 011 Sparringpartner gesucht ]

Als 'Ökodiktatur' wird von den 'Freiwilligen' die Gesamtheit erwägens-
werter Massnahmen und Regelungen zur Bewältigung der sich in
Gang setzenden Klima-, Flora- und Faunakrise bezeichnet. (Mit den
'Freiwilligen' sind diejenigen gemeint, die die bereits zur Einsicht in
die Dringlichkeiten und Notwendigkeiten Gelangten warten lassen
wollen, ob sie irgendwann vielleicht und 'ohne jeden Druck von
aussen' ebenfalls zur Einsicht gelangen, sich nicht länger um die
Leistung ihres Beitrags zur Bewältigung der Dringlichkeit und Not-
wendigkeit drücken zu können.)
In ihrer Widerspenstigkeit gegen das Notwendige meinen sie, zu
den Verlierern zu gehören, wenn und so weit sie sich hinsichtlich
der bisher genossenen Voraussetzungen und für sich errungenen
Vorteile auf einen Wirtschaftswettbewerb mit situations-, sach-,
sozial- und zivilisationsgerechten Kriterien für die Lauterkeit und
Fairness dieses Wettbewerbs einstellen müssen.
Sie wollen 'freiwillig' nicht einsehen, dass die Epoche, in der sie er-
starkt sind, nicht anders als alle vorangegangenen für die damals Er-
starkten schon, vorüber- und zu Ende geht.
Sie verkrampfen sich in der Haltung, am 'Drücker' sein und bleiben
zu müssen, um 'sicher' zu sein. Diese 'Sicherheit' bedeutet für sie,
auf vertrockneten Lorbeeren auszuruhen und sich nur gegen Vor-
schussleistungen derjenigen und all dessen anstrengen zu müssen,
die und das sie unter ihre Kontrolle und in ihre Abhängigkeit gebracht
und entsprechenden Zwängen unterjocht haben.
Sie sind blind dafür, dass sie sich selber und alles von ihnen Abhän-
gige, Kontrollierte, Motivierte und Angetriebene in eine Ökotyrannei
verstrickt haben, die der grossen Mehrheit der nicht Privilegierten
schmerzlich verschlechterte und zunehmend prekäre, kränkende,
erniedrigende, aussichtslose und tödliche Lebensbedingungen be-
schert. Sie verdrängen, dass sie aus dieser systemischen Tyrannis
selber und im 'freien' Alleingang keinen Ausweg finden, der nicht
auch für sie beschwerlicher und schwieriger wird, je länger sie zau-
dern und zögern.

Die nach Jahren, Jahrzehnten immer noch vorgebrachten Argumen-
te, Zwang sei der nur zweit- oder gar drittbeste Weg und es sei vor
ihm der 'Freiwilligkeit', der sich von selbst einstellenden Einsicht und
dem darauf gründenden guten Willen der Vorzug zu geben, wird
scheinheilig, wenn sich die Freiwilligen während Jahren und Jahrzehn-
ten um wirksame Beiträge an die Bewältigung einer globale Schick-
sale bestimmenden Aufgabe drücken, deren Dringlichkeit bagatelli-
sieren und zuwarten wollen, bis sich für die sich Zierenden und
Drückenden ein Ausweg auf Kosten Anderer anbietet.
Sie reden von 'ganzheitlichen' Ansätzen und nehmen sich von der
Mitverantwortung für das Ganze aus.

Der Freiwilligkeit ist der Vortritt zu lassen, wenn und so lang sie
wahrhaftig ist und bleibt, was bedeutet, dass sie den ihr gewährten
Vortritt tätig ausübt und nicht als Vorwand zur Rechtfertigung dafür
missbraucht, dass Alles möglichst lang auf Kosten Anderer beim
Alten bleibt.

Wer sich Freiwilligkeit ausbedingt, anerkennt damit die Notwendigkeit
der verhandelten Ziele und verspricht, innert nötiger Frist das Wirk-
same zur Erreichung dieser Ziele aus eigenem Antrieb und eigener
Kraft (und eigene Kosten) zu tun.
Erweist sich der sich als Freiwilliger Erklärende als unwillig oder unfä-
hig, das Nötige rechtzeitig und wirksam zu tun oder zu leisten, so er-
weist sich dadurch gleichzeitig auch sein Versprechen als wertlos und
ist damit die letzte Frist zur freiwilligen Tat unwiederherstellbar
verwirkt.

Dass sich die Not inzwischen verschlimmert und der Zwang, ihr zu
wehren verschärft haben, ist Folge der Säumigkeit der Freiwilligen.
Die Not duldet keinen weiteren Aufschub mehr.



2007-09-09

Du darfst Dir ein Gleichnis oder Bildnis machen

Von glaukothyr @ 11:41 [ 013 Teilchenbeschleuniger ]

Du darfst Dir ein Gleichnis oder ein Bildnis machen, um Deine
Sehnsucht oder Deinen Schmerz für's Erste zu stillen oder um
einer Hoffnung, deren Du dringend bedarfst, eine einstweilige
Stütze zu geben. Aber das Bild soll nicht Deine Sehnsucht er-
füllen, soll nicht an Stelle der Heilung treten, derer Du bedarfst,
soll nicht die Aufmerksamkeit, Sorge und Zuwendung geniessen,
deren das Kranke und Verletzte bedürfen, soll Dir nicht zum
unentbehrlichen Mittel der blossen Einbildung von etwas werden,
dessen Du wirklich und nicht bloss als Traum bedarfst.

Du sollst dem Bild keine Anhänglichkeit und Dankbarkeit erweisen
und Deine Kraft, Zeit und Mittel an es verschwenden, sondern es
vernichten, wo es seinen Zweck erfüllt hat und erst recht, wo es
ihn nicht erfüllt.

Du darfst Bilder zur Zierde und Verschönerung oder zu Deiner oder
anderer Ergötzung machen. Du sollst aber nicht ungefragt Zeichen
und Deutungen in sie hineinlegen oder ihnen Kräfte zutrauen, über
die der Mensch allein und selber verfügt.

Du darfst den Menschen lehren, so Du kundig bist, über Bilder
Wege zu seinen eigenen Kräften, die seine Lebendigkeit ausmachen,
zu finden.
Du sollst ihn nicht zwingen, verführen oder überlisten, Bilder für das
von ihnen Gezeigte selbst zu halten oder ihnen gemäss etwas oder
an etwas zu glauben;
Du sollst ihn lehren an seine Kraft und Fähigkeit zu glauben und
Bilder als blosse Hilfmittel für Gedächtnis, Einprägung und Verständ-
nis zu verwenden. Das gilt besonders auch für Embleme.

Du darfst anderen ein Gleichnis oder Bildnis machen und geben, um
ihnen daran eine Eigenart oder einen Wesenszug oder einen beson-
deren Aspekt einer Sache oder Verhältnismässigkeit zu erläutern und
einsichtig zu machen.
Du sollst dem Bild als Gegenstand nie irgend eine Wahrheit oder Wir-
kung zuschreiben.

Du sollst Bilder und Gleichnisse nicht zur Irreführung oder Aufstache-
lung machen und gebrauchen und du sollst keine Missverständlichkei-
ten dulden. Du sollst Mehrdeutigkeit entweder vermeiden oder darauf
hinweisen.

Es ist besser, ein Bild zu verlieren oder zu vernichten als ihm An-
hänglichkeit oder so genannte Pietät zu erweisen.
Es ist besser, ein neues Bild zu fertigen als ein Altes mit grossem
Aufwand zu erhalten.
Bilder in Deinem Besitz und Eigentum, die Dir nichts oder nichts mehr
bedeuten, verkaufe, verschenke oder vernichte.

An Bildern in fremdem Besitz und Eigentum vergreife Dich unter
keinemUmstand und Vorwand, auch wenn sie Dich ekeln und empören.
Spotte über sie, wenn Du nicht anders kannst, aber klage nicht an,
schweige darüber, wenn's Dir gelingt.

Es ist wichtig, zu lernen und zu lehren, wie man mit Bildern umgeht,
sie ansieht, deutet und schätzt.
Es ist wichtig, zu lernen und zu lehren, wie man sich darüber klar
wird, warum etwas anspricht und gefällt oder abstösst und ekelt.
Es ist wichtig, zu lernen und zu lehren, dass, warum und wie Schön-
heit und Hässlichkeit von Andern ganz anders beurteilt werden als
man selber gewohnt ist und für richtig hält.

Es ist unnütz und kann schaden, andere zu zwingen, ein Bild anzu-
sehen und es für schön oder kostbar zu halten.
Es ist unnütz und kann schaden, andern zu verbieten, ein Bild für
hässlich, schändlich und wertlos oder umgekehrt für schön, erha-
ben und kostbar zu halten.
Es ist ein Verbrechen, andern Bilder, die sie nicht mögen, aufzu-
drängen oder aufzuzwingen oder ihnen Bilder, die sie mögen,
wegzunehmen oder zu zerstören.
Es ist klug, sich über Bilder nicht zu ereifern. Es ist nützlich, an
Bildern das Auge zu schärfen und die Deutung und Ordnung der
Sinneseindrücke zu üben.

Nicht Alles, was einem als blosses Bild erscheint, ist ein Bild.
Und Vieles, was dem einen als Wahrheit gilt oder als Zeugnis
von Wirklichkeit, ist dem andern bloss ein Bild.

Keine und Keiner ist wie der und die Andere und darum wirkt
alles Sichtbare und Scheinbare, alles mit Sinnen und Apparaten
Registrierbare und Registrierte nie auf Alle gleich.
Darin liegt die grosse Ungewissheit aller Bildhaftigkeit und allen
darauf bezogenen und gründenden Wissens.


2007-09-07

"Wollt Ihr Wahlkampf - oder Jahrmarkt für Identitätssurrogate?"

Von glaukothyr @ 20:33 [ 012 Vermittlung erforderlich ]

In etwa dieser Art und Weise werden von Wahlkampfrednern ein-
ander Vorstellungen und Bilder rhetorisch gegenübergestellt, als ob
das eine ein wahrer Gegensatz zum andern und die richtige oder
falsche Alternative dazu wäre, als ob man allein schon dadurch, dass
man als Politprediger sein Publikum gefunden und an sich gewöhnt
hat, genau wissen könnte, wer bzw. was schuld daran ist, dass das
Richtige richtig zu tun bisher versäumt worden ist, sodass dann die-
ses Schuldig Gesprochene und scheinbar Ursächliche rasch, konse-
quent und wirksam einzudämmen oder gar radikal zu entfernen als
das wahrhaft und genial Richtige erscheint.

Etwas subtiler, aber bei genauerer Analyse in allerletzter Konsequenz
mit gleichartiger Wirkung, beschwören andere politische Stile, je nach
dem bei ihnen eingeübten Sprachgebrauch, Werte, Errungenschaften
oder Gesetzmässigkeiten, die zu bewahren und denen gemäss fortzu-
fahren versprochen wird.

Der politisch reife Bürger weiss, dass Rechthaberei jeden Stils der
Wirklichkeit fern und schätzt die Arbeit, die die Parteien im unspekta-
kulären Alltag leisten.
Er kreidet Misserfolge weniger unerbittlich an, als sie erfolgsabhängi-
ge Konkurrenten einander genüsslich oder gehässig vorrechnen.

So wie der Jahrmarkt heute nicht mehr die für die moderne Wirt-
schaft erforderlichen Wettbewerbs- und Distributionsleistungen er-
bringt, taugt auch der Wahlkampf im veränderten Umfeld immer
weniger, die Optik der Wähler für die politischen Aufgaben einer
Gemeinschaft zu verfeinern und differenzieren, sondern begnügt sich
mit Plausibilitäten, Sentimentalitäten und Effekten.

Im Wahlkampf ist Werbung im weitesten Sinne eines der nach Exper-
tenmeinung daraus nicht mehr wegzudenkenden Mittel geworden.
Die Frage wurde schon oft gestellt, ob es guter Politik gerecht wird,
für Inhalte zu werben wie für Waren und Dienstleistungen. Sie wird
hinfällig, weil sie auf Sichtweisen beruht und in Begriffen formuliert
ist, die im Strudel beschleunigter und unumkehrbarer Veränderun-
gen genau so an Bedeutung verlieren wie die in Wahl- und Werbe-
sprüchen rund um die Welt verwendeten.

Diese Umwälzungen machen an keinen Staatsgrenzen halt und sind
stärker als Sehnsüchte und Ängste.

Wo geworben wird, wird Überredungs- und zuweilen auch fragwür-
dige Überlistungskunst - um so hemmungsloser angewandt, als das,
wofür geworben wird, nicht selber für sich spricht.
Parteien, die wissen, wofür, warum und mit welchen Mitteln sie sich
anstrengen wollen, werden sich nicht um Stimmenfang bemühen,
sondern darum, in der Stimmbürgerschaft die Überzeugung davon
aufzubauen, dass sie sich für die neuen Herausforderungen eines
künftig tauglichen Risk Managments auf allen Ebenen staatlicher
Aufgaben rüsten und nicht nur behaupten, gerüstet bzw. besser ge-
rüstet zu sein als andere.

Das Emotionale ist wie Treibstoff. Wo dieser nicht in einen klug kon-
struierten Motor gelangt und statt in dessen Brennkammer irgend wie
'auf der Strasse' gezündet wird, verpufft die Kraft und kann ausser
Kontrolle geraten.

Eine gut entwickelte und risikoresistente Demokratie braucht wohl
eine Executive aber keine Führungsinstanz mit besonderem Aner-
kennungsanspruch, die einer angeblichen Minderheit derjenigen, die
keine Führer wollen, dafür eben Demokratie, sagt, wem sie wohin zu
folgen habe, sondern hat Gesprächs- und Streitkultur, ist von koope-
rationswilligen und -fähigen Gruppierungen getragen, die nicht nur ei-
gene Ansprüche bzw. Ansprüche ihrer Klientschaft sondern eben auch
diesen entgegenstehende und -wirkende anerkennen und ihnen
Raum und Ressourcen zugestehen.

Eine breit in der Bevölkerung abgestützte Einsicht in die Notwendig-
keiten gemeinsamer Einrichtungen und deren angemessenen Finan-
zierung, in den Wert des Rechts, dabei mitzudenken und mitzuwirken
und eine Bereitschaft des Einzelnen, das, was er von Demokratie er-
wartet, in seinem höchstpersönlichen Wirk- und Einflussbereich durch
seine Achtung vor der Gleichwertigkeit des Andern konkret umzuset-
zen, sind lebendige und politikunabhängige Faktoren moderner Ge-
meinschaftlichkeit.

Demokratie ist nicht die taugliche Staatsform für Gleichgültige, Denk-
faule und Simpel, aber auch nicht für Primadonnen und Tribune.
Diese fühlen sich in Diktaturen alle besser aufgehoben - aufgeteilt in
Führende und Geführte.