Warum nur lässt Gott zu, dass ... ?
| Von glaukothyr @ 00:07 | [ 013 Teilchenbeschleuniger ] |
Die Frage der Entsetzten und Verzweifelten, warum denn Gott zulasse und zulassen
könne, was nach deren Vorstellung seinen Gesetzen und seiner Schöpfung zuwider,
ist so alt wie die Vorstellung von Gott, vorallem von Gott, der den Menschen ge-
schaffen habe und daher für sein Geschöpf der einzig vorstellbare und wahrnehm-
bare sein kann, jedenfalls dann, wenn es sich diesem als dessen Geschöpf unter-
wirft oder ihm unterworfen wird, wie das bei Monotheismen, die sich auf Staatsge-
walt abstützen oder an diese anlehnen oder diese gar begründen wollen, noch bald
einmal der Fall ist.
Warum die Folgerung unausweichlich sein muss, dass das Geschöpfte dem Schöpfer unterlegen und deshalb auch untertan sei und sein müsse, ist von denen, die das den Arglosen als unumstössliche Gesetzmässigkeit beibringen und aner-
ziehen, nicht schlüssig erklärt und nachgewiesen. Die das behaupten und lehren
gehen von einem auf Zwecke ausgerichteten Willen des Schöpfers aus, worin
bereits auch Gehorsam als Unterwerfung unter einen vom (feudalen) Gebieter
gewollten und vom Gehorsamen 'richtig' verstandenen Zweck eingefaltet - und entsprechend einfältig - ist.
Auf solcher Einfalt beruhen sowohl klerikale Hierarchieen ('heilige' Ordnungen) als
auch 'neue Weltordnungen', Führungsstrukturen und Entscheidungsbäume - und
entsprechend sieht die Welt heute aus.
Was in den Schöpfungsgeschichten mit der Erschaffung des 'Menschen' wirklich
und/oder letztlich (was nicht genau dasselbe ist) gemeint ist, wird nirgends aus-
drücklich gesagt, sondern begegnet dem so Fragenden als Vielfalt von Deutungen,
Gleichnissen und Legenden. Je nach Vorstellungsvermögen und Abstraktionsbe-
dürfnis ist das z.B. ein Urpaar, wovon die verschiedenen Stämme und Verzweigun-
gen, Varianten und Mutationen abstammen, ist es die Gesamtheit von Bedingun-
gen, unter denen sich Menschheit in einem evolutiven Vorgang entwickelt und ent-
faltet oder ist es die Idee bewusster Existenz in hochverdichteter Vernetzung all
dessen, was - vorallem für menschliches Wahrnehungs- und Fassungsvermögen -
als 'Materie' und deren Naturgesetzlichkeit erscheint.
Deutlich wird, dass Glaubensvorstellungen, in denen die Bedingungen und Aspekte
der Lebendigkeit und des Schicksals auf ein Universum unsichtbarer aber als wirk-
lich erfahrener und vorgestellter Kräfte unterschiedlicher Animations-, Imagina-
tions- und Personifizierungsebenen zurückbezogen bzw. zurückverwiesen (reli-
giert) werden, diese Frage (warum Gott zulasse, was ihn nach frommer Vorstel-
lung 'erzürnen' müsste) nicht kennen, jedenfalls nicht als zwängende oder jam-
mernde Einforderung einer Ordnung, eines Gesetzes, von Moral oder Gerechtig-
keit, ganz besonders nicht als Frage nach Schuldigen, die zu bestrafen, und nach
Frommen, die zu belohnen seien bzw. wären.
Vermutlich liegt gerade in diesen Kindergarten-(=Paradies-)-vorstellungen der
Aberglaube an die Unlösbarkeit der Probleme begründet, die sich daraus ergäbe,
wenn Wohlstand nicht als Belohnung für Wohlverhalten sondern als notwendige
Voraussetzung menschenwürdigen Daseins und sich Entwickelns aufgefasst und
gewährt würden.
Das Universum umfasst zum kleinsten Teil menschlichem Ermessen überhaupt
Zugängliches und ist grössten Teils von Myriaden unbegreiflicher Wirklichkeiten
erfüllt.
Es ist alles andere als auf ein einziges grosses und über alles ihm Widerstreben-
de Richtendes und alles ihm Huldigende und Dienende Belohnendes gerichtet, son-
dern von Kämpfen und Konkurrenzen verschiedener Herrschafts- und Verfügungs-
ansprüche gegen das Prinzip der elementar anspruchslosen - und entsprechend
gesetzlosen und keiner durch Belohnung und Strafe gewahrten Ordnung bedürf-
tigen Schöpfung durchtobt.
Der Einzelne ist darin diesem chaotischen Evolutionsvorgang, in welchem sogar die
höchste Schöpferkraft als einmal - in 'undendlich ferner Zukunft' (für die der
heute gebräuchliche 'Zeitbegriff' allerdings untauglich ist) erschöpfte überliefert
ist, gegenübergestellt und es liegt, ungeachtet aller äusseren Umstände seines kon-
kreten Daseins, allein an und bei ihm, welchen dieser Kräfte er seine Aufmerksam-
keit und Zuwendung schenken und wie er sein Handeln (Karma = griech. Pragma)
mit seiner autonom bestimmten Ausrichtung in Übereinstimmung bringt. Ob in der unbegreiflichen Wirklichkeit die Naturgesetze des Begreiflichen gelten oder nicht
und ob aus dortiger Wahrnehmung über Schuld und Unschuld, Ursache und Wir-
kung, falls solche Gegenstände dort überhaupt von Bedeutung, wie im 'Diesseits
oder ganz anders 'geurteilt' wird (falls eine solche Vorstellung eines Urteilens mit
dem Schöpferischen überhaupt vereinbar), kann aus der beschränkten Sicht und Handlungsfreiheit eines aus zeitgenössischem Wissen und überlieferten Sentimen-
talitäten und Irrtümern geflochtenen Käfigs nur spekuliert, nicht aber in irgend einer Hinsicht gültig beantwortet werden, denn es bleibt verborgen, ob diesseitige
Belange jenseits Bedeutung haben, falls mit "Jenseits" als Dimension welcher Art
auch immer zu rechnen nicht weniger müssig oder gar lächerlich ist, als nur das
Diesseits als das Leben ausmachend zu akzeptieren.
Es darf nicht überraschen, dass die kollektive Grundeinstellung zum umgreifend
Unsichtbaren, Unwägbaren, Unermesslichen und entsprechend Unkontrollierbaren
und Unbeherrschbaren und dessen Abwägung gegen das Begreifliche und leicht 'Einleuchtende' (Illusion) und Vorstellbare je nach ihren Grundannahmen und den
darauf gründenden dogmatischen, theoretischen und spekulativen Ausgestaltungen
völlig verschiedene Vorstellungen von sog. 'Grundwerten' wie Recht, Ordnung, Menschenrechte, Menschenwürde usf. hervorbringt und dass die Vernachlässigung
der Wirklichkeit solch unterschiedlicher Entwicklung kosmoskopischer Modelle und Szenarien und darauf gründender Kulturen durch die institutionalisierten Rechtha-
bereien in den verschiedenen Wissenskollektiven zu Konflikten auf profaner, bana-
ler und materieller Ebene führen muss, weil die Bedeutung des Profanen, Banalen
und Materiellen genauso vielfältig und widersprüchlich ist wie die des Unbegreifli-
chen und mit der Vorstellung vom umgreifend Unbegreiflichen in sich fortspinnen-
der Wechselwirkung steht.
Nur für das Augenblickliche und Nebensächliche - wie etwa für den Kauf einer
Fahrkarte oder einer Sonnenbrille - kann formelle und scheinbare Einigkeit über
das Banale, Profane und Materielle bestehen. Schon beim Besuch eines Restau-
rants beginnen sich die Unterschiede für die Feinfühligen auszuprägen.
Die Erwartungen und die einst gewiss ehrliche Hoffnung vieler Oekonomen, ob
sozialistischer oder kapitalistischer Pragmatik verpflichtet, es genüge zur Über-
brückung dieser tiefgreifenden Unterschiede in der Grundeinstellung zu den As-
pekten der kollektivierten Rückverweisung subjektiv eigenen Daseins auf des-
sen Ursprung an oder in etwas als umgreifend Geahntes, die profan- und banal-
materiellen Probleme menschlichen Daseins nach 'monotheistisch' nachempfun-
den einheitlichem, auf für höchstwahrscheinlich gültigen Gesetzmässigkeiten
beruhendem Konzept global zu erfassen und 'anzupacken', haben sich in weit
mehr als hundert Jahren trotz gewaltig entwickelter Hilfen durch neue techni-
sche, stochastische, logistische und administrative Instrumentarien (wovon z.B.
die Weltbank eine wichtige Komponente aus noch jüngerer Zeit) und deren
Kombinationen ganz eindeutig nicht erfüllt und das weitere Beharren auf diesen
Hoffnungen und auf daraus konstruierten Dogmen und Programmen wird von
Tag zu Tag abergläubischer, rechthaberischer und verhängnisvoller.
Dass bessere und überzeugendere Theorieen zu entwickeln versäumt, verplem-
pert und - teils zur Wahrung von Machtansprüchen - verhindert wurde, macht das
heute von der Fachwelt Anerkannte und Angewandte nicht tauglicher.
Gott lässt eben nicht nur zu, er treibt vor allem zu Nichts an. Er lässt geschehen
und befindet es - nach der menschlichen Überlieferung - hinterher und aus seiner
schöpfungskräftig vollkommenen Perspektive - für 'gut', ohne Jemand zu fragen -
und ohne dass es zuvor die Vorstellung von 'gut' und keine ausdrückliche Erschaf-
fung dieser Vorstellung durch den Schöpfer gab, jedenfalls, wenn man den Text
dieser Geschichte wortwörtlich deutet.
Dass dieses 'Gute' im Unterschied zur profanen, banalen und materiellen Welt
offenbar keiner Schöpfung bedurfte, weist darauf hin, dass es im Chaos enthalten
oder nebst diesem wirklich gewesen sein könnte. Daraus folgte, dass wohl die
Schöpfung dieses als Einziger und Einer aufgefassten Gottes Werk war und ist,
nicht aber auch, dass der Schöpfer seine Schöpfung auch für 'gut' befinden
konnte.
Hieran muss nicht aber kann eine Vermutung angeknüpft werden, dass 'Gut' und
'Schlecht' (was hier von 'Lieb' und 'Böse' unterschieden wird) schon vor der Schöp-
fung diese umgreifende Wirklichkeiten und evt. gar Bedingungen für die in der Ge-
nesis beschriebenen Schöpfung waren.
So oder so aber entzieht sich die Deutung von 'gut' im Zusammenhang mit der Ent-
stehung sämtlicher Vorgeschichten zur jeweiligen Gegenwart des Einzelnen und der
Kollektive (an denen derselbe eher gezwungenermassen als freiwillig teilhat und
teilnimmt) jedem allgemeingültigen Urteil nach menschlichen Vermögen.
Was 'gut' aus der Sicht der Vorbedingungen zur Schöpfung bedeutet, hat nichts mit
dem menschlichen Urteil darüber, was ihm behagt, zu tun. Es ergibt sich durchaus
ein Sinn, wenn das jeweils nachträgliche 'Gutdünken' des Schöpfers bedeutet, 'es
ist möglich und hat Aussicht auf fortgesetzte Entfaltung'.
Eine solche Interpretation erzeugt ein Bild Gottes nicht als wollenden Macher son-
dern als freudig spielend kreativen und glückreichen Experimentator. Allerdings
ruft die von der Wissenschaft in die kollektive Kosmoskopie transportierte Vor-
stellung vom "Big Bang" auch die Frage auf, ob dieses Experiment übermächti-
gen Geistes evt. auf einer - wie wohl göttlichen - 'Fehleinschätzung' beruhte,
deren Konsequenzen nun die Menschheit zu tragen hat.
Sollte das zutreffen, was sich aber niemals feststellen lässt, könnte das Vermu-
tungen Vorschub darüber leisten, warum die Frage, warum Gott das 'Ungute'
zulasse, unbeantwortet bleibt. Wer gibt schon Fehler zu, die ihm nicht nachge-
wiesen werden können und die seinen Status in Frage stellen? Warum eigent-
lich soll das Göttliche nicht auch noch an Unvollkommenheiten - auf weit über
dem Menschen stehender Ebene - scheitern - gerade wenn doch berichtet ist,
der Mensch sei nach dessen Ebenbild gestaltet?
Es ist natürlich - besonders für Rechthaber und Besserkönner - alles andere als
leicht und erhebend, sich als Geschöpf eines zwar seinen Geschöpfen gegenüber
weit überlegenen aber im Umgang mit seiner Schöpferkraft noch nicht unbedingt erfahrenen (wie der Mensch auf seine Verhältnisse bezogen sagen würde) "Schöpferlehrlings" zu sehen. Aus solcher Sicht könnten für gewisse andere kos-
misch hochgestellte Instanzen durchaus Gründe bestanden haben, gegenüber
dieser "Erschaffung" des Menschen Vorbehalte anzubringen.
Das muss den Wert des Mensch Seins und Mensch Sein Dürfens nicht zwingend
herab- setzen, wenn man das Unvollkommene als liebens- und lebenswert an-
nimmt und eben die perfektionistischen Ansprüche der hochmütigen Kritiker
gegenüber der Liebens- und Lebenswürdigkeit als eher kleinlich, unschöpferisch
und lebensfremd veranschlagt.
Es gibt aber auch noch zwei andere mögliche Spekulationen :
a) Der 'Big Bang' hat mit der Schöpfung überhaupt nichts zu tun
b) Der 'Big Bang' und dessen Folgen stören die Schöpfung.
Wie gesagt : Es geht hier um Spekulationen und Hypothesen. Und 'Bildgebungs-
verfahren' führen zu nichts weiter als eben Bildern, die immer nur davon möglich
sind, wovon wir berhaupt eine Vorstellung bereits haben oder wenigstens ahnen,
dass es zum Vorgestellten einen Bezug haben könnte - bzw. dem Drang unsere
Wollens gemäss - haben müsste.



