2007-08-16

Gottesstaat ?

Von glaukothyr @ 17:21 [ 011 Sparringpartner gesucht ]

Einen Gottesstaat errichten zu wollen, ist etwa so klug, aussichtsreich und ehrlich, wie eine Unterwasserweltraumstation konstruieren und ausrüsten zu wollen: Man masst sich an, das Begrenzte zum Gefäss für Allgegenwärtiges und Unerschöpfliches, Starres und damit Endliches zur Manifestation von Schöpfung und Wandel, Rechthaberei zum Ausdruck göttlicher Weisheit, Dogma an Stelle kosmischer Optionalität, Bespitzelung und Gewaltanwendung zur Grundlage der Ordnung, Angst und Schrecken an Stelle der Begegnung von menschlichem mit göttlichem Geist zu setzen.


Es ist nicht nur nicht möglich, sondern auch überhaupt nicht notwendig, einen Gottesstaat zum Heil des Menschen und der wie immer aufgefassten Menschheit zu errichten.

Viel grösser als alles in blutigen Kämpfen Errungene und mit grossem, als Tribute von Geknechteten und Erniedrigten erpresstem Aufwand Errichtete wird, unscheinbar und sanft webend, das friedliche Nebeneinander vieler, unterschiedlichster Religionen, Glaubensinhalte und Kooperationsformen zu einer Staatlichkeit tragenden und erst ermöglichenden Kultur. Aus dem unablässigen Bemühen um Friedlichkeit wird langsam und fast unmerklich auf Dauer Freundlichkeit und damit ist noch lange nicht das weitest Mögliche erfüllt.

Diese Leistung ist eine elementar humane Leistung der Bevölkerung, ist das Werk vieler, unregelmässig und innovativ minteinander verbundener und sich verbindender Menschen - eine Leistung, die kein Führer, kein Machthaber, kein Politiker für sich beanspruchen kann, denn sie ist wohl unscheinbar aber deswegen keinesfalls unwirksam (sondern wirkt und webt).

Darum ist diese glanzlose und stille Friedlichkeit den Machthungrigen, Gross- und Wichtigtuern ein Dorn in Aug' und Fleisch und sie ruhen nicht und scheuen keinen Aufwand, diesen Frieden zu stören. Denn Unfriede macht die Ideen-, Ziel- und Rastlosen für Blendwerk und Hass empfänglich. Das grossartig Scheinende ist ihr schwacher Trost, nach dem sie süchtig.


2007-08-14

Lieber Herr Doktor (Musterbrief)

Von glaukothyr @ 13:34 [ 011 Sparringpartner gesucht ]

Sehr geehrter Herr Doktor X,

ich erkläre Ihnen hiermit die Beendigung des unklaren Verhältnisses zwischen Ihnen und mir betreffend die Behandlung meines Brustkrebses.
Tatsächlich fällt mir kein treffendes Wort zur Definition dieses Verhältnisses ein, jedenfalls keines, das etwas über die allgemeine Erwartung eines kranken - jedenfalls nach ausgesuchten, empirischen, theoretischen, gesundheitsökonomischen und gesellschaftspolitischen und weiteren, für die Öffentlichkeit und den Patienten nicht durchschaubaren Kriterien für 'krank erklärten' - Menschen an einen heilenden Arzt aussagt.
Die Interaktion zwischen uns beiden ist auf eine nach bei Ihnen programmierter 'sozialer Kompetenz' ablaufende Scheinkommunikation eingeschränkt. Sie hören nicht, was ich Ihnen sage, gehen auf meine Fragen, wenn überhaupt, nur zögernd oder gar widerstrebend ein und nehmen nicht wichtig, was ich Ihnen über mein Wohlbefinden bei und nach den Behandlungen mitteile.
Meinen gleichzeitigen Problemen mit meiner Parkinsonkrankheit und den Komplikationen, die das von Ihnen Angeordnete für meinen Umgang mit meiner Gesundheit als persönliches Wohlbefinden und nicht bloss als Zweckmässigkeit für eine Krebstherapie verursacht oder verursachen könnte, schenken sie bestenfalls beiläufige und rein verbale Aufmerksamkeit.
Das reicht vielleicht für das Inganghalten eines Gesundheitsbetriebs, eines öffentlichen Gesundheitswesens und dessen Verwaltung und für die statistische Erfassung klinischer Erfolge und betrieblicher Ergebnisse. Was Sie leisten, genügt vielleicht, um Ihnen attestieren zu können, bei der Ausfüllung Ihres Postens keine Pflichtverletzung und keinen Kunstfehler begangen zu haben, hat aber mit heilender und lindernder Behandlung rein gar Nichts zu tun. Als Arzt im landläufiger Erwartung entgegenkommenden Sinne bleiben Sie untätig.

Man hört viel die Redewendung, der Patient sei zur Nummer bzw. zum unter einem Code registrierten Fall degradiert. Man müsste vielleicht mehr darüber zu reden beginnen, dass der kranke Mensch im von Politikern, Ökonomen, Zulieferern und medizinische Experten als 'hocheffizientes' angestrebten Gesundheitswesen keinem Arzt mehr begegnet, sondern unzähligen programmierten Modulen eines Systems, dem, einmal zu dessen Verfahrensobjekt mit hochgradig schwer bestimmbarem Endergebnis geworden, nicht mehr zu entrinnen ist.

Meine Krankheit ist gegenwärtiger Teil sowohl meines Körpers als auch der Inhalte meines Bewusstseins. Wie ich mich dazu einstelle, ist Teil meines Lebens und meiner Zukunft. Sie gehört in jeder erdenklichen Hinsicht ausschliesslich mir und ich allein bin die letzte Instanz, die entscheidet und die Verantwortung dafür übernimmt, was mit und hinsichtlich dieser Krankheit, auch in Verbindung mit meinem Körper und meiner Persönlichkeit, zu geschehen habe.
Die Tatsache, dass da einerseits eine von sich selbst sehr überzeugte medizinische Fachwelt sich meines Falls kompetent annimmt und geschäftstüchtig bemächtigt, andererseits eine obligatorische Krankenkasse für irgendwelche von irgendwem für gut befundene Behandlungen Unsummen Geldes bezahlt (nicht etwa weil da einem Menschen in seinem Leiden beizustehen wäre, sondern weil dieser unter Zwang dafür Prämien entrichtet und ihm dafür aus politischen Gründen zu seinen Prämienzahlungen unverhältnismässige Ansprüche zuerkannt werden, damit sich eine bevorzugte Gesundheitsindustrie entwickeln könne) kann an dieser fundamentalen existentiellen Verantwortung des einzelnen Menschen für sein höchstpersönliches Dasein rein gar nichts ändern.

Ich habe an meinem Brustkrebs nie 'gelitten' sondern er ist vom Gesundheitssystem bei einer Routineüberprüfung entdeckt und diagnostiziert worden. Danach ging alles sehr rasch, fast handstreichartig, wie von medizinischer Seite für gut erachtet und nach den Bedürfnissen des Medizinbetriebs geplant. Ich wurde und werde zwar schrittweise über das von Ihnen bereits Eingeleitete und Angeordnete 'auf dem Laufenden gehalten', was aber immer erst dann geschah und geschieht, wenn ich gleichzeitig oder unmittelbar darauf folgend unvorbereitet vor neue vollendene Tatsachen bzw. von Ihnen verordnete therapeutische Schritte gestellt bin.
Nie wurde mir gehörig Gelegenheit und Zeit gegeben, mir eine eigene Meinung zu bilden und einen entsprechenden Standpunkt einzunehmen.
Nebst den Beschwerden meiner Parkinsonkrankheit muss jetzt jetzt auch noch die Folgen Ihrer krebstherapeutischen Massnahmen ertragen. Die Symptome wie Übelkeit, Schwächezustände, Müdigkeit und Schlaflosigkeit treten regelmässig nach Ihren Behandlungen ein. Ob die Therapie 'greift', wie Sie es sagen, kann ich nicht beurteilen. Mir tut sie nicht gut, wie ich nicht nur sage, sondern am eigenen Leibe erfahre; ich habe grosse Mühe, 'brav' zu sein und zu glauben, dass sie etwas nützt.

Es gehört zur gutbürgerlichen Wohlanständigkeit, einer ärztlichen Diagnose und darauf ärztlich verordneten Behandlungen zu vertrauen und ich bemühe mich redlich, den Anstand zu wahren. Es fällt je länger desto weniger leicht.
Gleichzeitig nämlich bin ich mir bewusst, wie sehr ich von unüberprüfbarem Wissen und dessen Anwendung durch Menschen mit all den Schwächen, nicht zuletzt charakterlichen, die auch Hochschulbildung nicht auszugleichen vermag, abhängig bin. Das Fehlen offener Kommunikation genau über diese Abhängigkeit und Unterlegenheit (aus Unwissenheit und mangels Beziehungen zu einflussreichen Stellen) gegenüber einem übermächtigen System kränkt und erniedrigt.

Diese Kränkung und Erniedrigung, die in Kauf zu nehmen ist, um der Segnung eines zeitgenössischen Gesundheitswesens teilhaftig zu werden ist quasi die Trägerfrequenz für Alles, was kompetent eingerichtetes und geschäftstüchtig inszeniertes und arrangiertes Therapieren in Gang setzt. Es gibt begründete Zweifel, dass das in irgend einer Weise wirklich heilsam sein kann.
Eine Chance auf Erfolg kann nur bestehen, wo die beschriebene Kränkung und Erniedrigung auf das systemimmanent Unvermeidliche so reduziert ist, dass der Vorgang der vom Patienten mitzutragenden und mitzugestaltenden Heilung oder wenigstens Stabilisierung und Bewältigung der Krankheit die sachlich bezweckenden Einrichtungen des Gesundheitswesens mit seinen theoretischen, methodischen, logistischen, politischen, finanziellen, rechtlichen und administrativen Zwängen, Erschwernissen, Unberechenbarkeiten bzw. 'Wild Cards' und die Rechthabereien, Beflissenheiten, Geschäftigkeiten, Machtansprüche und Geschäfte, die die Gesundheitsideale erzeugen und zur Vermarktung und Verwertung bringen, auf Dauer überragend zu überspannen vermag.

Dieses Überbrücken und Überschreiten der Wichtigtuerei des letztlich Profanen gegenüber dem wesentlich Lebendigen ist vermutlich ein elementares Erfordernis für eine Erschaffung der Voraussetzung für einen lebensfähigen und -freudigen Heilungsprozess.

Kein Gesundheitswesen auf der Welt lässt der Lebensfreude und der Lebensfähigkeit dort, wo es drauf ankommt, diesen Raum. Alles riecht nach Technik, Chemie, Geld, Kompetenz und Macht.

 


2007-08-01

Ein Volk, das über Allem steht, selbst über dem Völkerrecht?

Von glaukothyr @ 16:39 [ 011 Sparringpartner gesucht ]

Ein Volk, das über dem Parlament, über den Kammern, über der Regierung, über der Justiz, über der Verfassung steht, ein solches Volk gibt es regelmässig in den politorgiastischen Träumen von Staatsmännern und -frauen, die sich entweder des Applauses einer Mehrheit der von ihnen angesprochenen Menge sicher fühlen oder die dieser mit kalkulierten Aussichten auf 'Erfolg' schmeicheln.
Die Sicht in entgegengesetzter Richtung verschmäht das Volk als von gegnerischen und schon deshalb schlechten Kräften verhetzten, irregeführten und verführten Pöbel.
Für beide Beurteilungen gibt es nicht nur geschichtliche Belege sondern auch biblische und mythische.
Das Volk, das den Politikern je nach Anklang, den sie momentan bei diesem finden
oder zu haben meinen, entweder 'am Herzen' liegt oder ihnen widerwärtig erscheint, wird am einfachsten und wirkungsvollsten über Gefühle angesprochen. Das macht es einerseits sympatisch, andererseits unberechenbar.
Um diese Art Politik zu betreiben, muss man dazu veranlagt sein, mit Gefühlen zu
spielen und zu agitieren. Echten Sinn für wahre Demokratie erfordert das nicht.
Es gibt daher für viele eigenständig denkende und urteilende und individuell fühlende Menschen gute Gründe, sich nicht dem Volk zugehörig fühlen und erklären und unterwerfen zu wollen, das über allen seinen von ihm selbst zur Wahrung der Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit vereinbarten und eingerichteten Institutionen und über allen Verfassungen und gemeinsamen Bestrebungen der Völker stehen will, um damit seine hemmungslose Willkür zu rechtfertigen.
Wer zu einem solchen Volk redet und ihm schmeichelt, redet nicht zum wirklichen
Volk, sondern zu seiner persönlichen Wunschwählerschaft und Gefolgschaft und ist im Kern seiner Seele kein Demokrat sondern ein Feudalherrscher, Vasallenhalter und Hörigenführer.