Sehr geehrter Herr Doktor X,
ich erkläre Ihnen hiermit die Beendigung des unklaren Verhältnisses zwischen Ihnen und mir betreffend die Behandlung meines Brustkrebses.
Tatsächlich fällt mir kein treffendes Wort zur Definition dieses Verhältnisses ein, jedenfalls keines, das etwas über die allgemeine Erwartung eines kranken - jedenfalls nach ausgesuchten, empirischen, theoretischen, gesundheitsökonomischen und gesellschaftspolitischen und weiteren, für die Öffentlichkeit und den Patienten nicht durchschaubaren Kriterien für 'krank erklärten' - Menschen an einen heilenden Arzt aussagt.
Die Interaktion zwischen uns beiden ist auf eine nach bei Ihnen programmierter 'sozialer Kompetenz' ablaufende Scheinkommunikation eingeschränkt. Sie hören nicht, was ich Ihnen sage, gehen auf meine Fragen, wenn überhaupt, nur zögernd oder gar widerstrebend ein und nehmen nicht wichtig, was ich Ihnen über mein Wohlbefinden bei und nach den Behandlungen mitteile.
Meinen gleichzeitigen Problemen mit meiner Parkinsonkrankheit und den Komplikationen, die das von Ihnen Angeordnete für meinen Umgang mit meiner Gesundheit als persönliches Wohlbefinden und nicht bloss als Zweckmässigkeit für eine Krebstherapie verursacht oder verursachen könnte, schenken sie bestenfalls beiläufige und rein verbale Aufmerksamkeit.
Das reicht vielleicht für das Inganghalten eines Gesundheitsbetriebs, eines öffentlichen Gesundheitswesens und dessen Verwaltung und für die statistische Erfassung klinischer Erfolge und betrieblicher Ergebnisse. Was Sie leisten, genügt vielleicht, um Ihnen attestieren zu können, bei der Ausfüllung Ihres Postens keine Pflichtverletzung und keinen Kunstfehler begangen zu haben, hat aber mit heilender und lindernder Behandlung rein gar Nichts zu tun. Als Arzt im landläufiger Erwartung entgegenkommenden Sinne bleiben Sie untätig.
Man hört viel die Redewendung, der Patient sei zur Nummer bzw. zum unter einem Code registrierten Fall degradiert. Man müsste vielleicht mehr darüber zu reden beginnen, dass der kranke Mensch im von Politikern, Ökonomen, Zulieferern und medizinische Experten als 'hocheffizientes' angestrebten Gesundheitswesen keinem Arzt mehr begegnet, sondern unzähligen programmierten Modulen eines Systems, dem, einmal zu dessen Verfahrensobjekt mit hochgradig schwer bestimmbarem Endergebnis geworden, nicht mehr zu entrinnen ist.
Meine Krankheit ist gegenwärtiger Teil sowohl meines Körpers als auch der Inhalte meines Bewusstseins. Wie ich mich dazu einstelle, ist Teil meines Lebens und meiner Zukunft. Sie gehört in jeder erdenklichen Hinsicht ausschliesslich mir und ich allein bin die letzte Instanz, die entscheidet und die Verantwortung dafür übernimmt, was mit und hinsichtlich dieser Krankheit, auch in Verbindung mit meinem Körper und meiner Persönlichkeit, zu geschehen habe.
Die Tatsache, dass da einerseits eine von sich selbst sehr überzeugte medizinische Fachwelt sich meines Falls kompetent annimmt und geschäftstüchtig bemächtigt, andererseits eine obligatorische Krankenkasse für irgendwelche von irgendwem für gut befundene Behandlungen Unsummen Geldes bezahlt (nicht etwa weil da einem Menschen in seinem Leiden beizustehen wäre, sondern weil dieser unter Zwang dafür Prämien entrichtet und ihm dafür aus politischen Gründen zu seinen Prämienzahlungen unverhältnismässige Ansprüche zuerkannt werden, damit sich eine bevorzugte Gesundheitsindustrie entwickeln könne) kann an dieser fundamentalen existentiellen Verantwortung des einzelnen Menschen für sein höchstpersönliches Dasein rein gar nichts ändern.
Ich habe an meinem Brustkrebs nie 'gelitten' sondern er ist vom Gesundheitssystem bei einer Routineüberprüfung entdeckt und diagnostiziert worden. Danach ging alles sehr rasch, fast handstreichartig, wie von medizinischer Seite für gut erachtet und nach den Bedürfnissen des Medizinbetriebs geplant. Ich wurde und werde zwar schrittweise über das von Ihnen bereits Eingeleitete und Angeordnete 'auf dem Laufenden gehalten', was aber immer erst dann geschah und geschieht, wenn ich gleichzeitig oder unmittelbar darauf folgend unvorbereitet vor neue vollendene Tatsachen bzw. von Ihnen verordnete therapeutische Schritte gestellt bin.
Nie wurde mir gehörig Gelegenheit und Zeit gegeben, mir eine eigene Meinung zu bilden und einen entsprechenden Standpunkt einzunehmen.
Nebst den Beschwerden meiner Parkinsonkrankheit muss jetzt jetzt auch noch die Folgen Ihrer krebstherapeutischen Massnahmen ertragen. Die Symptome wie Übelkeit, Schwächezustände, Müdigkeit und Schlaflosigkeit treten regelmässig nach Ihren Behandlungen ein. Ob die Therapie 'greift', wie Sie es sagen, kann ich nicht beurteilen. Mir tut sie nicht gut, wie ich nicht nur sage, sondern am eigenen Leibe erfahre; ich habe grosse Mühe, 'brav' zu sein und zu glauben, dass sie etwas nützt.
Es gehört zur gutbürgerlichen Wohlanständigkeit, einer ärztlichen Diagnose und darauf ärztlich verordneten Behandlungen zu vertrauen und ich bemühe mich redlich, den Anstand zu wahren. Es fällt je länger desto weniger leicht.
Gleichzeitig nämlich bin ich mir bewusst, wie sehr ich von unüberprüfbarem Wissen und dessen Anwendung durch Menschen mit all den Schwächen, nicht zuletzt charakterlichen, die auch Hochschulbildung nicht auszugleichen vermag, abhängig bin. Das Fehlen offener Kommunikation genau über diese Abhängigkeit und Unterlegenheit (aus Unwissenheit und mangels Beziehungen zu einflussreichen Stellen) gegenüber einem übermächtigen System kränkt und erniedrigt.
Diese Kränkung und Erniedrigung, die in Kauf zu nehmen ist, um der Segnung eines zeitgenössischen Gesundheitswesens teilhaftig zu werden ist quasi die Trägerfrequenz für Alles, was kompetent eingerichtetes und geschäftstüchtig inszeniertes und arrangiertes Therapieren in Gang setzt. Es gibt begründete Zweifel, dass das in irgend einer Weise wirklich heilsam sein kann.
Eine Chance auf Erfolg kann nur bestehen, wo die beschriebene Kränkung und Erniedrigung auf das systemimmanent Unvermeidliche so reduziert ist, dass der Vorgang der vom Patienten mitzutragenden und mitzugestaltenden Heilung oder wenigstens Stabilisierung und Bewältigung der Krankheit die sachlich bezweckenden Einrichtungen des Gesundheitswesens mit seinen theoretischen, methodischen, logistischen, politischen, finanziellen, rechtlichen und administrativen Zwängen, Erschwernissen, Unberechenbarkeiten bzw. 'Wild Cards' und die Rechthabereien, Beflissenheiten, Geschäftigkeiten, Machtansprüche und Geschäfte, die die Gesundheitsideale erzeugen und zur Vermarktung und Verwertung bringen, auf Dauer überragend zu überspannen vermag.
Dieses Überbrücken und Überschreiten der Wichtigtuerei des letztlich Profanen gegenüber dem wesentlich Lebendigen ist vermutlich ein elementares Erfordernis für eine Erschaffung der Voraussetzung für einen lebensfähigen und -freudigen Heilungsprozess.
Kein Gesundheitswesen auf der Welt lässt der Lebensfreude und der Lebensfähigkeit dort, wo es drauf ankommt, diesen Raum. Alles riecht nach Technik, Chemie, Geld, Kompetenz und Macht.