NEID (Elfriede Jelinek)
| Von glaukothyr @ 18:34 | [ 012 Vermittlung erforderlich ] |
Muss man wirklich von Neid auf das Recht erfüllt sein, das Zitieren von etwas, das man veröffentlicht hat, zu verbieten?
Muss man neidisch sein auf die Kompetenz, ein Verbot zu erlassen, das nicht ein- haltbar ist und nicht sanktionierbar? Denn wahrheitsgemäss zu sagen: "X hat da und da dann und dann das und das getan, gesagt, geschrieben", darf nicht veboten sein, wenn die Informationsfreiheit für alle Wahrheit gelten soll.
Der Autor, der für sich die Gedanken- und Meinungsäusserungsfreiheit beansprucht, um seine Texte zu veröffentlichen, kann Niemand verbieten, andern mitzuteilen, von ihm (dem Autor) wortwörtlich gelesen zu haben : "Zitat so und so", oder er (der Autor) macht sich zum Despoten über ein von ihm für sich allein bean- spruchtes Territorium, sich in bestimmter Weise und in bestimmten Zusammenhän- gen zu äussern. Der jedes Zitat seiner Texte Verbietende unterscheidet sich dann nicht mehr von andern Zentren der Macht, die in irgend einer Hinsicht und aus irgend einem Grunde mögliche Aussagen dogmatisch verwalten. Das Zitierverbot behindert Diskussion und Kritik seiner Texte in mit der Meinungsbildungs- und äusserungsfreiheit unvereinbarer Weise, erleichtert aber umgekehrt auch unfaire und gar willkürliche Behauptungen über Inhalt und Form eines Originaltextes.
Eine Probe auf's Exempel : "'Kleine Lebenswelten ...' und 'die dazu passenden kleinen Lebensweisheiten' ... 'treffen einander' ... 'in der Mitte'. Diese liegt, wo 'nach aussen 'Stürzendes' und 'nach innen' Fallendes sich vermengen. ... Der 'Einzug' ... der 'Vermarktung von Kultur und Geschichte' 'in unser Fassungsvermö- gen' soll durch 'touristische Aktivitäten' ~ordentlich vorbereitet werden~" (~...~ verwendet dieselben Stammworte anders konjugiert, dekliniert, substantiviert oder verbisiert als im Original.)
Ist diese Probe nun ein Zitat oder der Versuch eines Unbelesenen, den Originaltext sinngemäss zu verstehen und seine Deutung des Textes wiederzugeben?
Was dieser hier so bewusst und provokativ manipulierten Einleitung in den drei ersten Sätzen des ersten Kapitels Elfriede Jelineks 'Privatroman' (oder verletzt die Zitierung dieses Worts bereits wieder das Zitierverbot?) folgt, kann einem als eine reichhaltig und sich aus sich heraus entfaltender Dynamik gemäss fortpflanzende und verzweigende Assoziationskette zum Thema : Tourismus als Kollektivsedati- vum (Beruhigungs- und Entspannungsmittel) gegen die sich dem Gewissen des verlassenen Einzelnen aufdrängende Ahnung vom unausweichlichen Abstieg einer imperialen, kulturentleerten Zivilisation erscheinen.
Was, zumindest im ersten Kapitel, folgt, ähnelt gedanklich und sprachlich einer Art bach'scher Fuge in Bildern zum Thema des allerersten Satzes.
Dieser erste Satz schildert gleichsam die Entstehung und Beschaffenheit eines kreisringartigen Bereiches zwischen dem engeren Bereich einer 'Welt' und einem weiteren, äusseren Kreis 'dazu passender Weisheit' (wie immer dieses 'Dazu Passen' zu verstehen sei), in welchem das im Weiteren Geschilderte beobachtet wird, ist quasi die Absteckung der Bühnenfläche, worauf sich der der Roman abspielt.
Entsprechend diesem abstrakt definierten Bereich spielen Personen wie etwa die der Geigenlehrerin Brigitte reine Statistenrollen - jedenfalls erscheint das so. 'Akteure' - oder würde man besser sagen 'Zustandswahrer' und 'Dynamiken' ? - sind Denkgewohnheiten, Wertungsmuster, Behauptungen, Klischés, Gefühlsschablonen, Argumentationsweisen, Zwanghaftigkeiten, deren Gegen-, Zusammen-, durch ein- ander und durcheinander Wirken den Wechsel der Eindrücke und Bilder im aus 'explodierender (nach aussen stürzender) Welt' und 'implodierender, auf Welt im eigentlichen Sinne konzentrierter, einstürzender Weisheit' als Abgründigkeit (endlos wiederholtes Stürzen) Deutbaren erzeugt. Der Protagonist des Romans ist der kritische Beobachter bzw. letztlich - nebst der Autorin, in deren Gefolge und als deren Beobachter und Kritiker - der Leser.
Allerdings ist es kein Abgrund mit Raum für titanenhaft katastrophalen Sturz, der sich da - jedenfalls bis Ende Kapitel 2 - auftut und noch unheimliche Weiten voller weit auseinander liegender, neuer Möglichkeiten erschliesst, sondern ein karrenartig tief zerklüftetes, unübersichtliches Milieu, das alle Hoffnung auf Vorankommen in verheissungsvoller Richtung dursten und sterben lässt.
Das erste Wort des ersten Kapitels : 'Kleine' könnte als Hinweis auf eine zentrale Qualität, um die es in diesem 'Privatroman' vielleicht geht, gedeutet werden, die sich daraus entwickelt, dass die Absurdität der Einzelheit im unermesslichen Ganzen durch kommerzielle, verwaltende und legitimierende Banalisierung für auf vorsorgend ängstliche Normalität justierte, zivile Fassungsvermögen zurechtgemacht wird.



