2007-04-14

Evolution und Geschichte

Von glaukothyr @ 01:49 [ Mottenkiste ]

Die Evolution der Menschheit ist nicht deren Geschichte. Sie ist wie das Meer, während die Geschichte immer nur der Blick von der Küste darauf ist.
Der Standort am Strand ist der zufällige, vom Verlauf der Küste bedingte, von einer Bucht eingeengte oder von einem Felsvorsprung für einen Rundblick aufgeschlossene. Dieser vom Standort bedingte Blick erliegt der Verzerrung und Trübung durch den Anschein dessen, was heute behelfsmässig noch mit 'Gesellschaft' ettikettiert wird.
Die vom Historiker be- und verarbeitete 'Geschichte' ist der Blick von mit Bedacht erwähltem Standort auf einen sich ihm durch die Umstände darbietenden Küstenabschnitt. Geschichte bleibt verletzliche Schnittstelle zwischen beschränktem Bewusstsein und der unermesslichen und unergründlichen Wucht evolutionärer Gesamtheit der zweckhörigem Verstand widersprüchlich und unvereinbar scheinenden Möglichkeiten und Zufälligkeiten.
Ist evolutionär oder existentiell widersprüchlich, was sich nach zwängend strenger - und entsprechend beschränkter - Logik gegenseitig ausschliesst? Ist Unvereinbarkeit nicht mangelnde Schöpferkraft bzw. mangelnde Fähigkeit, sie als Daseinsvoraussetzung zu verstehen oder sich vorzustellen?
Weder der Standort des Historikers ist fest noch der Verlauf der Küste ewig. Beide sind endlich, ohne dass das Meer sich dadurch für den Mann auf See, das Individuum, veränderte. Und auch dieser schwimmt nur oben auf bis er so oder anders Schiffbruch erleidet oder an Land sich rettet, um dort, statt zu ertrinken, irgendwann erschöpft zu sterben.
Die Vorstellung, dass die Wissenschaft je die Evolution bestimme oder beherrsche, ist der Meinung vergleichbar, wer 'das Meer' fotografiere, beherrsche es und trage es in seiner Tasche herum.
Die Wissenschaft wird immer nur notdürftige Orientierungshilfe sein, auf dem scheinbar sicheren Festland erzeugte Gerätschaft und Methode, den Fluten der Evolution für einige Male zu entkommen, bevor man davon überspült.
Es stünde der Wissenschaft und allem menschlichen Streben daher gut an, sich mit dieser Rolle des Behelfsmässigen zu begnügen, statt sich von Gelüsten nach Herrschaft treiben zu lassen.
Das Kollektive beruht quasi auf der Idee Einzelner, sich durch Wagnisse auf den Wogen der Brandung ein Publikum und dessen Ansehen zu verschaffen. Diese reiten quasi auf den Wellenkämmen der Evolution.
Während jedermann klar ist, dass ein Surfer die Wellen meistert, aber nie beherrscht, da er sie ja weder zu erzeugen noch zu glätten vermag, gelingt es denen, die kunstvoll auf den Wogen kollektiv aufgeschaukelter Emotionen balancieren, ihren Bewunderern weiszumachen, sie beherrschten die Kräfte, von denen sie sich tragen lassen.

Vielen Chronisten entgeht diese Täuschung.

(Ursprünglicher Text 26.11.2003. Vorliegende Fassung redaktionell aber nicht inhaltlich geringfügig modifiziert)


2007-04-11

Die Entscheidung, Mensch zu werden und zu sein

Von glaukothyr @ 19:00 [ 010 Mutmasslich Gleichgesinnte ]
Der 'Heilige Krieg' ist das Ringen des Einzelnen um seine Entscheidung, Mensch zu werden und zu sein oder Sklave unter profanen Zwängen und gegenüber deren Verlockungen, worin jene eingewickelt, ein bis zu seinem Tode wehrloses aber störrisches, quengelndes und zwängendes Kind zu bleiben.

2007-04-06

Die Masse (Randnotiz zur Passionsgeschichte)

Von glaukothyr @ 23:00 [ 013 Teilchenbeschleuniger ]

Die Masse (Ansammlung von Menschen) ist das elementar und wahrhaft eigentliche Element satanischen Wirkens, ob sie nun in Kirchen, Heiligtümer, Konzerthallen, Stadien strömt, zu kultischen Stätten oder zu Orten begehrter Zerstreuung, Entspannung und Unterhaltung und zu touristischen Zielen.
Sie ist von dem, was zutreffend mit 'Bevölkerung' oder mit angemessen nüchternem Respekt 'Volk' genannt werden darf, zu unterscheiden. Auch was 'Kollektiv' oder 'Gemeinschaft' zu nennen ist, ist nicht mit Masse zu verwechseln.

Die Masse ist zu beliebig bestimmbaren und bestimmten, häufig vorübergehenden, kurzfristigen und launenhaften Zwecken Erzeugtes, Präpariertes und Manipuliertes. Sie ist zu freiem Willen und nüchternem Urteil unfähig gemachte Menge.

Der Taumel wahnhaft gemeinsamer, undifferenzierter und hemmungloser Gemütserregung und -wallungen ist ihr Antrieb. Kein Wunder, ist die Masse die Favoritin der Machthungrigen.
Der moderne, kollektivlogistische Fachausdruck 'mass control' bringt das mit dem Wesen der Denkart, der diese Idee entspringt, ensprechenden Direktheit zum Ausdruck.

Die Erzeuger und Handhaber der Massen bleiben unter sich und ihre langfristigen Absichten werden nicht öffentlich und bleiben, auch im Nachhinein, für Jahrzehnte und gar Jahrhunderte von Gerüchten umrankt. Jenen (Erzeugern und Handhabern von Massen) mit politischer oder anders materiell gegründeter Macht begegnen zu wollen, ist aussichtslos. Wer immer mit den Erzeugern und Handhabern der Massen vorsätzlich, auf Einladung oder versehentlich zusammentrifft, wird entweder ihr Vasall, ihr Gefangener oder ihr Opfer und kein Aussenstehender erfährt davon. Ihre Kreise sind für die Gesellschaft, was für die Materie schwarze Löcher.

Die Masse ist das Sammelbecken der Feiglinge vor dem Eigensinn und vor der individuellen, unausweichlich alleinigen Verantwortung dafür. Die wohlfeile Rechtfertigung von Begierde nach Glorie, Selbstgerechtigkeit und nach Genugtuung für eigenes Ungenügen ist der Köder, womit sie lockt und betört.
Der mentale Zustand der Masse gleicht demjenigen eines am Syndrom fremdhörig dissoziativer Identität erkrankten bzw. darauf abgerichteten Rumpf- bzw. Scheinindividuums. Das einzig wahnhaft Gemeinsame in der Masse ist die nebulöse Sehnsucht einer Herde Unbewusster nach Erlangung von Bedeutung, Grösse und Macht durch blosse Mitläuferschaft, ohne weiter gehende Verpflichtung. Die Masse berauscht sich am Surrogat für die Erfüllung gezüchteter kollektiver Sehnsüchte und vergisst mit dem Verblassen der trügerischen Euphorie, zurücksinkend in Namenlosigkeit und stumpfes Vegetieren. Sie kennt keine Folgen ihres Tobens und Frohlockens.
Darum ist die Masse das tödliche Gift für jede lebendige Demokratie - und damit auch für alle Kultur.

Die Auszählung der Stimmen ergibt nicht, wie gross der Anteil gelenkter Masse an der jeweils ermittelten Mehrheit ist. Es ist keine Methode bekannt geschweige denn in Gebrauch, diesen Anteil schlüssig nachzuweisen. Das bedeutet indessen nicht, dass es diesen Anteil nicht gibt und dass er ganz gewiss bei knappen Mehrheiten eine fragwürdige, Demokratie vereitelnde Rolle spielt. Da keinerlei Ergebnisse von Untersuchungen über die Rolle der Masse(n) in der Demokratie vorliegen, lässt sich nicht sagen sondern bloss fragen, ob dieser Anteil der Masse(n) an Mehrheiten konstant sei. Ob jemand sich von der Masse aufsaugen lässt, hängt nicht von seiner wirtschaftlichen Situation, seiner Herkunft und Bildung, sondern von seiner Neigung zu existenzieller Bequemlichkeit und zu geistig-intellektueller (im Gegensatz zu professionell-funktional-intellektueller) Trägheit ab.

Massen entstehen und wirken wie vernachlässigte Kloaken oder wie Belastungen der Umwelt mit ahnungs- sorg- und rücksichtslos Entsorgtem. In ihnen sammeln sich die aus individuellen wie aus kollektiven Bewusstseinsinhalten verschmähten, verdrängten, verworfenen und ausgeschiedenen und danach sich selbst und ihren unbemerkten oder geflissentlich übersehenen Schicksalen überlassenen Reste, Abrasionen, Extrusionen und Abfälle zivilisatorisch bedingter und bestimmter Empfindungs-, Gefühls-, Denk-, Lern- und Rechenprozesse. In der Masse ruht, mieft und gärt der ganze von Kultur verdrängender Zivilisation angesammelte emotionale und intellektuelle Mist.

Kultur lässt keine Masse entstehen. Sie fordert den Einzelnen heraus und ist daher für diesen existentiell anstrengender als die Bequemlichkeiten, Sensationen und Zerstreuungen mehrende Zivilisation.