Evolution und Geschichte
| Von glaukothyr @ 01:49 | [ Mottenkiste ] |
Die Evolution der Menschheit ist nicht deren Geschichte. Sie ist wie das Meer, während die Geschichte immer nur der Blick von der Küste darauf ist.
Der Standort am Strand ist der zufällige, vom Verlauf der Küste bedingte, von einer Bucht eingeengte oder von einem Felsvorsprung für einen Rundblick aufgeschlossene. Dieser vom Standort bedingte Blick erliegt der Verzerrung und Trübung durch den Anschein dessen, was heute behelfsmässig noch mit 'Gesellschaft' ettikettiert wird.
Die vom Historiker be- und verarbeitete 'Geschichte' ist der Blick von mit Bedacht erwähltem Standort auf einen sich ihm durch die Umstände darbietenden Küstenabschnitt. Geschichte bleibt verletzliche Schnittstelle zwischen beschränktem Bewusstsein und der unermesslichen und unergründlichen Wucht evolutionärer Gesamtheit der zweckhörigem Verstand widersprüchlich und unvereinbar scheinenden Möglichkeiten und Zufälligkeiten.
Ist evolutionär oder existentiell widersprüchlich, was sich nach zwängend strenger - und entsprechend beschränkter - Logik gegenseitig ausschliesst? Ist Unvereinbarkeit nicht mangelnde Schöpferkraft bzw. mangelnde Fähigkeit, sie als Daseinsvoraussetzung zu verstehen oder sich vorzustellen?
Weder der Standort des Historikers ist fest noch der Verlauf der Küste ewig. Beide sind endlich, ohne dass das Meer sich dadurch für den Mann auf See, das Individuum, veränderte. Und auch dieser schwimmt nur oben auf bis er so oder anders Schiffbruch erleidet oder an Land sich rettet, um dort, statt zu ertrinken, irgendwann erschöpft zu sterben.
Die Vorstellung, dass die Wissenschaft je die Evolution bestimme oder beherrsche, ist der Meinung vergleichbar, wer 'das Meer' fotografiere, beherrsche es und trage es in seiner Tasche herum.
Die Wissenschaft wird immer nur notdürftige Orientierungshilfe sein, auf dem scheinbar sicheren Festland erzeugte Gerätschaft und Methode, den Fluten der Evolution für einige Male zu entkommen, bevor man davon überspült.
Es stünde der Wissenschaft und allem menschlichen Streben daher gut an, sich mit dieser Rolle des Behelfsmässigen zu begnügen, statt sich von Gelüsten nach Herrschaft treiben zu lassen.
Das Kollektive beruht quasi auf der Idee Einzelner, sich durch Wagnisse auf den Wogen der Brandung ein Publikum und dessen Ansehen zu verschaffen. Diese reiten quasi auf den Wellenkämmen der Evolution.
Während jedermann klar ist, dass ein Surfer die Wellen meistert, aber nie beherrscht, da er sie ja weder zu erzeugen noch zu glätten vermag, gelingt es denen, die kunstvoll auf den Wogen kollektiv aufgeschaukelter Emotionen balancieren, ihren Bewunderern weiszumachen, sie beherrschten die Kräfte, von denen sie sich tragen lassen.
Vielen Chronisten entgeht diese Täuschung.
(Ursprünglicher Text 26.11.2003. Vorliegende Fassung redaktionell aber nicht inhaltlich geringfügig modifiziert)



